Angela Merkel gewann 2013 die Bundestagswahl dank magischer drei Worte: "Sie kennen mich." Vier Jahre später steckt ihr Gegner Martin Schulz in dem Dilemma, dass auch er diese drei Worte gerne sagen würde, ihn jedoch die Wähler wenigstens als Minister oder Ministerpräsident nicht kennen. Also erzählt der SPD-Kanzlerkandidat landauf, landab von sich, auch privat und persönlich. Das war schon so, als sich alle für ihn begeisterten, und ist so geblieben, seit der Enthusiasmus verflog. Für diese Wahlkampferzählung hat er jetzt noch ein Buch geschrieben, eine politische Rundumschau über Europa, Bildung, Digitalisierung, Gerechtigkeit. Der Titel Was mir wichtig ist (Rowohlt Berlin; 192 S., 16,– €) klingt schon altkanzlerhaft, bevor Schulz Kanzler ist.

Es wärmt und menschelt darin, was den Stärken des Autors entspricht. Ein Beispiel: "Sie hat mein Herz für den Natur- und Umweltschutz geöffnet", erfahren wir da über seine Frau Brigitte, Landschaftsarchitektin und Hobbyökologin, und über deren Interesse an der Paarung von Kreuzkröten auf den heimischen Kohlehalden. "Den direkten und emotionalen Zugang" zum Umweltschutz "habe ich erst durch meine Frau bekommen. Wir haben viele Gespräche geführt." Für welches politische Thema der Chemieprofessor Joachim Sauer das Herz seiner Angela geöffnet hat, wissen ja die Deutschen bislang nicht.

Das Große im Kleinen spiegeln und dabei mehr Gefühl wagen: So könnte man das sympathische, oft etwas schlichte Schulz-Prinzip zusammenfassen. Live klappt das, wie der Autor bei seiner Buchpremiere im Berliner Ensemble vorführte: Der einstige Buchhändler aus Würselen (Ort und Buchhandlung spielen im Buch die erwartbare Rolle) las mit seiner angenehm einlullenden Stimme vor, rhetorisch versiert als authentischer Onkel Martin. Vielleicht wäre ein Hörbuch die bessere Variante gewesen. Aber die Lektüre dieses Arrangements aus einnehmenden Geschichten und politischem Programm ist so ernüchternd wie die der meisten Politikerbücher – auch wenn Schulz’ berühmte Lieblingsfloskel von den "hart arbeitenden Menschen" hier überraschenderweise erst auf Seite 17 auftaucht.

Seltsam, wenn die allererste Idee im Buch eines künftigen Kanzlers etwas ist, wofür er im föderalen System gar nicht zuständig ist: die kostenfreie Kita. Genauso wenig steht in seiner Macht, Schulen und Kulturzentren auf dem Land gut erreichbar zu machen "durch eine bezahlbare Anbindung im öffentlichen Personennahverkehr". Mit Sorge auch vernimmt man von einem künftigen Herrscher über einen 329-Milliarden-Haushalt den Sponti-Wunsch, "dass wir wegkommen von dem Denken in Milliarden, das heute Usus ist". Wenn einer der vielleicht bald mächtigsten Männer der Welt bekennt: "Wo ich kann, werde ich aufstehen" (gegen Ultranationalismus, Hetze und Populismus), dann klingt das Pathos hohl – so redlich die Haltung sein mag. Und wenn Schulz an einer Stelle meint, dass "ich mich von ganz unten hochgearbeitet habe", und anderswo von seinem Vater, dem Polizisten im Dorf Hellrath, erzählt, immerhin Vertreter der Staatsgewalt, dann versteht der Leser, wie mit solch großzügigem "ganz unten"-Begriff ein völlig diffuser Gerechtigkeits-Wahlkampf zustande kommt (der nebenbei schwerfällt, weil in den vergangenen 19 Jahren immerhin 15 Jahre lang die SPD das Arbeits- und Sozialministerium führte).

Es gibt auch Originelles in seinem Buch: Martin Schulz feiert die deutsche Einheit wie kein Sozialdemokrat seit Willy Brandt. Überhaupt ist Geschichte seine Leidenschaft, darin Helmut Kohl ebenbürtig. Begeistert las der Jugendliche Joachim Fests Hitler-Biografie, mit dessen Nachfolger als FAZ-Herausgeber, Frank Schirrmacher, war er befreundet, zusammen mit diesem besuchte er Verdun. Doch wenn alle paar Seiten die Leerformel vom "Respekt" auftaucht, den man diversen Menschen wieder entgegenbringen solle, dann erlischt jede Neugier sogleich wieder. Noch mehr irritiert der fast sedierte Ton dieser Bekenntnisschrift, die der Kandidat, anders als viele andere Politiker, eigenhändig verfasst hat; er schreibt selbst seit 34 Jahren allabendlich eine Seite Tagebuch.

Schulz hatte 2013 mit Der gefesselte Riese ein brillantes, leidenschaftliches Plädoyer für Europa vorgelegt – heute klingt Schulz selbst wie ein gefesselter Riese, von Merkel in der großen Koalition verschnürt. Dabei haben zuletzt zwei völlig unterschiedliche, freilich nicht an Koalitionen gekettete Typen wie Emmanuel Macron und Bernie Sanders mit vehementen Büchern, die beide gar das Wort "Revolution" im Titel führen, vorgemacht, wie man mit Herkunftsgeschichten und schillerndem Programm um die Macht kämpft. Trockenen Stoff wie Infrastruktur leitet Sanders so ein: "Mir ist klar, dass das Thema Infrastruktur die Menschen nicht gerade vom Hocker reißt. Bislang habe ich auch noch nicht erlebt, dass sich Infrastruktur-Aktivisten zu Zehntausenden auf den Straßen versammeln, um gegen den beklagenswerten Zustand unserer Kanalisation zu protestieren. Klar ist aber auch: Der Zustand der Infrastruktur ist enorm wichtig für unser Land."

Dagegen Schulz: "Gleichzeitig müssen wir die Rahmenbedingungen für unternehmerischen Erfolg schaffen und die Wirtschaft ganz gezielt unterstützen. Ich denke hier besonders an die Infrastruktur: Hier gibt es einen enormen Investitionsstau, der mittlerweile nicht nur die Lebensqualität vieler Menschen beeinflusst ..." Und so weiter und so fort. Vom bekennenden Büchernarren und Vielleser Schulz hatte man sich Kraftvolleres erhofft. Der Kandidat sagt zwar, was ihm wichtig ist – doch ein Wille zur Macht ist in seinem Agenda-Setting nicht zu spüren.

Vielleicht ist genau das aber nur sein konsensueller Stil, erfolgreich eingeübt in Jahren als Präsident des Europaparlaments – zumal er im Wahlkampf den Koalitionspartner nicht frontal attackieren kann. Aber wenn Martin Schulz stattdessen programmatisch schreibt: "Ich reise durch Deutschland, um zu hören, was die Menschen bewegt", so steckt darin ein tieferes Problem, nicht nur das einer (zum Schein?) eingestandenen Distanz zum Wählervolk. Denn der Kandidat stilisiert sich damit im Grunde wie ein versierter Populist als ausführendes Organ all derjenigen, deren Geschichten er vernommen hat – obwohl er doch als routinierter sozialdemokratischer Spitzenpolitiker und Staatsmann weiß, was er will. Längst ist das "Zuhören" zu einer Floskel des Politbetriebs verkommen, mit der Volksnähe suggeriert werden soll. Zwangsläufig wird das Buch von Martin Schulz in seiner inszenierten Schlichtheit zur paternalistischen Geste – womit der Kandidat seine lesenden Wähler massiv unterschätzt. Zum Volk pilgern, zuhören, die Dinge ansprechen und Orientierung bieten: Mit Regieren hat das nicht viel zu tun. Jedoch mit einem anderen Amt – Martin Schulz wäre der ideale Bundespräsident.

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