1. Was ist Dresdens Stolz?

Auf die Frage, was den wahren Dresdner auszeichne, hat Albrecht Hoch eine bürgerliche Antwort: "Jemand, der stolz auf diese wunderschöne Stadt ist und sich zu ihrem Wohle einbringt." Denn die Schönheit der Landeshauptstadt speise sich auch aus einem besonderen Lebensgefühl: Dresden, das sei die Bürgerstadt der Republik. Darüber muss man mit ihm gar nicht streiten, davon wird Herr Hoch sich nicht abbringen lassen. Er ist ja auch Experte: Albrecht Hoch entstammt jener Welt, die in Uwe Tellkamps Roman Der Turm beschrieben wird. Er ist der Spross einer Dresdner Bürgerfamilie: Der Hochsche Familiensitz ist eine Villa in Loschwitz, 1886 vom Urgroßvater erbaut. Hochs Großmutter besuchte noch Hofbälle im Dresdner Schloss. Hochs inzwischen verstorbener Vater, der Pfarrer Karl-Ludwig Hoch, sah als Kind vom Loschwitzer Villenfenster aus die Frauenkirche kurz vor ihrem Einsturz und initiierte später ihren Wiederaufbau. Albrecht Hoch selbst sang in seiner Jugend im Kreuzchor – und erinnert sich bis heute daran, wie er von Auftritten in München, Hamburg oder Berlin zurückgekommen sei und jedes Mal aufs Neue festgestellt habe, dass Dresden von allen Städten die schönste sei. Wegziehen? Undenkbar! In der Dresdner Elite hat man in zahlreichen Salons das Nischendasein aus der DDR in die Gegenwart überführt und ist konservativ im strengsten Sinn: Das Bewahren von Dresdens Glanz ist für Menschen wie die Hochs oberste Bürgerpflicht. Dafür streitet man in den Leserbriefspalten der Zeitungen, auf Empfängen und in Foren. Und Albrecht Hoch gibt sein Wissen über die Stadt weiter: Als Gästeführer bietet er kulturvolle Touren durch ein bürgerliches Dresden an, das selbst viele Einheimische noch nicht kennen.

2. Was brennt Dresden unter den Nägeln?

DIE ZEIT: Frau Hummel, Sie betreiben ein Nagelstudio in der Dresdner Neustadt. Was brennt dieser Stadt unter den Nägeln?

Antje Hummel: Eindeutig das, was auf dem Neumarkt als Kunst präsentiert wird. Erst waren es senkrecht aufgestellte Busse. Aktuell gibt es eine Skulptur, die aus lauter Einzelteilen zusammengesetzt ist und gleich bei der Eröffnung mit Töpfen und Pfannen beworfen wurde, von aufgebrachten Bürgern. Das ist Kunst, bei der man sich fragt, was sie uns sagen soll. Ich habe darüber in der Zeitung gelesen, sie nicht verstanden. Ist ja nicht schlimm – aber muss es am Neumarkt gezeigt werden?

ZEIT: Aber warum denn nicht?

Hummel: Weil das ein historischer Ort ist. Jeder, der ein bisschen historisches Verständnis hat, weiß um die Bedeutung der Frauenkirche. Die sollte man für sich wirken lassen. Eine meiner Kundinnen hat eine 90-jährige Omi, die davon überzeugt ist, dass die Bombardierung von Dresden bald vergessen sein wird. Das finde ich nicht richtig. Es muss auch Orte geben, an denen man sich erinnert.

ZEIT: Aber es wäre doch schade, wenn man im Stadtzentrum keine moderne Kunst zeigen dürfte.

Hummel: Das kann sein, aber auf dem Neumarkt will ich sie nicht sehen, der sollte ein historischer Platz bleiben. So was passt viel mehr auf die Prager Straße, wo das Leben mit all seinen Facetten tobt! Außerdem: Diese Stadt hat in der Vergangenheit so viel Streit aushalten müssen, da könnte jetzt auch gut mal ein bisschen Ruhe einziehen.

Antje Hummel, 36, betreibt das "Nagelstudio Antje Hummel" in der Dresdner Neustadt.

3. Was läuft in Dresden gerade herausragend?

DIE ZEIT: Herr Thielemann, Sie werden Ihren Vertrag als Chefdirigent der Staatskapelle verlängern. Es läuft gut zwischen Ihnen und der Stadt!

Christian Thielemann: Oh, das können Sie laut sagen. Ich erlebe geradezu eine schöpferische Symbiose. Und das hat sich natürlich ergeben, wirklich natürlich ergeben. Man merkt es daran, dass man es oft nicht merkt, dass viele Dinge einfach passieren. Vieles muss gar nicht besprochen werden – weil dieses Orchester und ich so wahnsinnig gut zueinanderpassen. Wir mussten nie zueinanderfinden.

ZEIT: Gilt das denn auch für Sie und Dresden?

Thielemann: Aber ja! Diese Stadt ist fantastisch. Das sage ich Ihnen, nach fünf Jahren. Alles ist wunderbar: Nehmen Sie die Residenzstadt-Atmosphäre. Die Achtung, die ein Orchester und sein Dirigent hier noch erfahren. Diese Art von ruhigem Bürgertum, die es sonst doch gar nicht mehr gibt, wenn wir ehrlich sind. In Dresden ist alles, aber auch alles auf die Kunst konzentriert. Ich finde das hier auch nicht eng oder kleingeistig. Nein: Die Menschen sind genauso nett, falsch, lieb und böse wie überall auf der Welt. Und ich liebe die Größe. Hier lebt man im Zentrum. In Berlin lebt man draußen. Da fährt man mit dem Wagen in die Stadt und wird noch angehupt oder muss sich den Stinkefinger zeigen lassen. Hier hat sich vieles bewahrt.

ZEIT: Auch der Klang des Orchesters.

Thielemann: Ja. Das ist etwas, das mir sehr gefällt. Die Individualität eines Orchesters wird aus dem Regionalen gespeist, das ist wie beim Essen. In Schwaben wollen Sie auch kein Wiener Schnitzel, sondern Spätzle, das alte Familienrezept. In der Musik wollen Sie Dresdens Klang erleben. Die Dresdner Geigenschule, die Dresdner Bläserschule – das ist ein altes Familienrezept, wissen Sie?

ZEIT: Die Stadt neige dazu, sich abzuschotten, sagen manche Kritiker.

Thielemann: Für uns am Theater ist diese ganze Diskussion eine abseitige! Schauen Sie auf unseren Spielplan, dann sehen Sie, dass wir internationales Kulturgut spielen! Wir spielen Wagner bis Verdi, Musik aus aller Herren Länder. Und vergessen Sie nicht, dass diese Stadt von Italienern, Franzosen, Deutschen gebaut ist. Nein, nein, diese Diskussion ist abseitig, und mir tut das immer leid, wenn über Pegida gesprochen wird. Bei einer so herrlichen Stadt, mit einem so wunderbaren Umland. Von den Menschen, die ich kenne, habe ich nie extreme Meinungen gehört. Das Grobschlächtige passt nicht zu Dresden. Dies ist eine feine Stadt. Es gibt immer auch einige unfeine Menschen. In einer Stadt wie Berlin geht so was unter, durch das ganze Gewühle. Hier eben nicht. Am Theater sagen wir: Heute Puccini, morgen Weber! Das ist unsere Antwort.

ZEIT: Sie sind jetzt seit fünf Jahren Dresdner. Sind Sie hier inzwischen daheim?

Thielemann: Ich bin hier richtig zu Hause. Wenn ich heute auf Dresden zufahre, dann stellt sich immer ein schönes Gefühl ein. Man sagt sich dann oft: Du hast wahrscheinlich einen der schönsten Arbeitsplätze der Welt. Diese einmalige Gegend. Diese herrliche Stadt. Die Natur! Auch die Kunstsammlungen. Ich gehe zu allen Ausstellungen. Das Orchester, die Kunstsammlungen, das Stadtbild haben Weltniveau. Und ich will alles sehen. Denn ich bin nicht nur Musiker. Das wäre einseitig. Wer die ganze Zeit nur Musik macht, der verarmt doch und wird ein einseitiger Fritze. Nein, das bin ich nicht.

ZEIT: Haben Sie eine Wohnung in Dresden?

Thielemann: Ich habe aus rein praktischen Gründen auf eine Wohnung verzichtet. Was man mir anbot, war abstrus – entweder teuer oder groß. Wenn mir das Richtige über den Weg liefe, würde ich es nehmen. Aber es ist gar nicht unpraktisch, wenn ich auf ein gutes Hotel zurückgreife. Ich habe ja mein Haus in Potsdam. Wenn ich das nicht hätte, ich würde in Dresden leben! Aber so bin ich eben im Hotel. Heimisch im Hotel sein, das ist für mich kein Gegensatz, im Gegenteil – ich bin in Dresden derartig zu Hause und angekommen, als würde ich da wohnen. Und das Hotel ist ökonomischer. Je älter man wird, desto ökonomischer geht man vor. Man will die Dinge mit weniger Aufwand erreichen.

ZEIT: Wann wird Ihr Vertrag offiziell verlängert?

Thielemann: Wir sind dabei! Wir sind in den letzten Zügen der Verhandlungen, um nicht zu sagen: beim Schachern. Der Anwalt ist tätig. Ich wüsste nicht, was der Sache noch entgegensteht.

Christian Thielemann ist Chefdirigent der Staatskapelle.