Mein grundsätzlicher Vorwurf an Sloterdijk aber lautet: Warum verficht er die Großzügigkeit nur innerhalb der Zwänge des Kapitalismus, also der Ordnung des besitzergreifenden Eros und Konkurrenzkampfs schlechthin? Im Rahmen dieser Zwänge ist jede Großzügigkeit a priori darauf reduziert, das Gegenteil brutaler Besitzgier zu sein, ein gütiger Dr. Jekyll des kapitalistischen Mr. Hyde. Es genügt, sich an das erste von Sloterdijk erwähnte Beispiel von Großzügigkeit zu erinnern, Carnegie, den Mann aus Stahl mit einem Herzen aus Gold, wie es heißt: Erst bediente er sich Pinkertons Detektive und einer Privatarmee, um seine Arbeiter zu unterdrücken, und bewies dann seine Großzügigkeit, indem er (zum Teil) zurückgab, was er nicht geschaffen, sondern an sich gerissen hatte. Oder nehmen wir selbst jemanden wie Bill Gates: Wie kann man seine brutale Taktik vergessen, die Konkurrenten auszuschalten und sich ein Monopol zu sichern? Die entscheidende Frage muss daher lauten: Gibt es keinen Raum für Großzügigkeit jenseits der kapitalistischen Rahmenbedingungen? Ist jedes derartige Projekt lediglich Ausdruck einer sentimentalen moralistischen Ideologie?

Wir kriegen oft zu hören, die kommunistische Vision lebe von einer gefährlichen Idealisierung des Menschen und schreibe ihm eine "natürliche Tugend" zu, die unserer Natur fremd sei. In seinem Buch Drive – Was Sie wirklich motiviert bezieht sich Daniel Pink jedoch auf eine Reihe verhaltenswissenschaftlicher Studien, die nahelegen, dass äußere Anreize wie eine monetäre Belohnung kontraproduktiv wirken können: Eine optimale Leistung erbringen Menschen, wenn sie genuinen Sinn in ihrer Arbeit sehen. Anreize können nützlich sein, um Menschen zu bewegen, langweilige Routinearbeiten zu übernehmen; je intellektuell anspruchsvoller aber die Tätigkeit, desto stärker hängt der Erfolg von Individuen und Organisationen von der Fähigkeit ab, flexibel und innovativ zu sein, sodass immer mehr Menschen das Bedürfnis verspüren, einen intrinsischen Sinn in ihrer Arbeit zu finden. Pink nennt drei Elemente, die einer solchen wesenhaften Motivation zugrunde liegen: Autonomie – die Fähigkeit, zu entscheiden, welche Aufgaben wann und wie erledigt werden; Meisterschaft – der Prozess, in dem man versiert in einer Tätigkeit wird; und Zweckbestimmung – der Wunsch, die Welt zu verbessern.

Marx hat gesagt: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen" – und das ist die einzige "Ethik der Gabe", die eine authentisch utopische Dimension besitzt. Der "postmoderne" Kapitalismus ist natürlich ausgesprochen geschickt darin, solche Elemente für seine eigene Profitabilität zu instrumentalisieren – ganz zu schweigen von dem Umstand, dass hinter jedem "postmodernen" Unternehmen, das seinen Angestellten Raum für "kreative" Leistungen gibt, die anonyme altmodische Ausbeutung von Arbeitern steht. Der Inbegriff des zeitgenössischen Kreativkapitalismus ist das vom "Genius" Steve Jobs’ getragene Unternehmen Apple – aber was wäre Apple ohne Foxconn, die taiwanesische Firma, die große Fabriken in China besitzt, in denen Hunderttausende unter abscheulichen Bedingungen iPads und iPods zusammensetzen? Wir sollten nie die Rückseite jenes postmodernen "Kreativzentrums" im Silicon Valley vergessen, in dem ein paar Tausend Forscher neue Ideen testen: die militarisierten Baracken in China, in denen die Arbeiter infolge belastender Arbeitsbedingungen reihenweise Selbstmord begehen. Nachdem der elfte Arbeiter von einer der oberen Etagen in den Tod gesprungen war, ergriff das Unternehmen Maßnahmen: Es zwang die Arbeiter, sich vertraglich zu verpflichten, keinen Selbstmord zu begehen.

Damit sind wir wieder bei Peter Sloterdijk. In seinem Buch Im Weltinnenraum des Kapitals zeigt er, dass die kapitalistische Globalisierung nicht nur für Offenheit und Eroberung, sondern auch für einen geschlossenen Globus steht, der das Innere vom Äußeren trennt. Die beiden Aspekte sind untrennbar miteinander verbunden: Die globale Reichweite des Kapitalismus ist in der radikalen Klassenunterteilung begründet, die er auf dem Globus durchsetzt. Die jüngsten Terrorattentate und der Strom der Flüchtlinge sind Erinnerungen an die gewalttätige Welt außerhalb unserer Kuppel, eine Welt, die für uns Insider in Form von Fernsehberichten über ferne gewaltaffine Länder erscheint, nicht als Teil unserer Realität, sondern als etwas, das auf unsere Realität übergreift. Unsere ethisch-politische Pflicht ist es nicht nur, uns der Realität außerhalb der Kuppel bewusst zu werden, sondern uns auch zu unserer Mitverantwortung für die dortigen Gräuel zu bekennen.

Es steht fest, dass am kapitalistischen Wettbewerb und Profitstreben nichts "natürlich" ist: Jenseits eines bestimmten Niveaus der Befriedigung elementarer Lebensbedürfnisse neigen die Menschen dazu, sich in einer Weise zu verhalten, die man nur als kommunistisch bezeichnen kann. Sie geben der Gesellschaft gemäß ihren Fähigkeiten, nicht gemäß der finanziellen Vergütung, die sie erhalten. Sloterdijk aber feiert die Spenden reicher Kapitalisten als Zurschaustellung "neoaristokratischen Stolzes" – und obwohl ich mit dieser Prämisse nicht einverstanden bin, finde ich es produktiver, mit ihm zu diskutieren, als im abgestandenen Wasser des liberalen Konsenses zu treiben.

Aus dem Englischen von Michael Adrian