DIE ZEIT: Wann gibt Philip Morris das Rauchen auf?

André Calantzopoulos: Von mir aus innerhalb der nächsten zehn Jahre, aber so genau lässt sich das nicht sagen. Unser Unternehmen steckt mitten in einem Transformationsprozess, weg von der Zigarette und hin zu potenziell weniger schädlichen Produkten.

ZEIT: Ist das das Ende von Marlboro?

Calantzopoulos: Ich will Zigarettenraucher zum Umstieg bewegen, nicht Marlboro erhalten. Auch wenn wir in der Vergangenheit viel Geld in die Marke gesteckt haben.

ZEIT: Also verkaufen Sie jetzt Iqos. Was ist das?

Calantzopoulos: Iqos ist ein elektronisches Gerät, das Tabak in Form von Heat-Sticks erhitzt, aber nicht verbrennt. Das ist der Unterschied zur Zigarette. Die meisten gefährlichen Stoffe entstehen erst durch den Verbrennungsprozess.

ZEIT: Und dafür bauen Sie ein Werk in Dresden?

Calantzopoulos: Wir investieren dort 320 Millionen Dollar in eine neue Fabrik, in der rund 500 Mitarbeiter ab 2019 bis zu 30 Milliarden Heat Sticks jährlich herstellen werden. Wir haben auch schon ein neues Werk in Bologna gebaut und werden bestehende Werke etwa in Griechenland umrüsten.

ZEIT: Konsequenter Wandel würde bedeuten, Ihre bestehende Fabrik in Dresden zu schließen.

Calantzopoulos: Das ist derzeit nicht geplant. Zumindest in den nächsten Jahren werden wir dort jeden Quadratmeter Fabrikfläche brauchen.

ZEIT: Was ist das Neue an den Heat-Sticks?

Calantzopoulos: Sie enthalten echten Tabak und ähneln geschmacklich Zigaretten. Aber weil sie nicht brennen, sinkt die Konzentration der schädlichen Chemikalien um durchschnittlich 90 Prozent im Verhältnis zum Rauch einer Zigarette. Übrig bleibt ein Aerosol, aber keine Asche und kaum unangenehmer Geruch.

ZEIT: Deshalb sind sie nicht harmlos.

Calantzopoulos: Harmlos ist es nur, gar nicht zu rauchen. Heat-Sticks sind keine ungefährlichen Produkte. Sie enthalten Nikotin und machen abhängig. Aber sie sind höchstwahrscheinlich deutlich weniger gesundheitsschädlich als Zigaretten.

ZEIT: Der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge tötet Tabak jährlich sieben Millionen Menschen. Wie sähe Ihre Todesrechnung für Heat- Sticks aus?

Calantzopoulos: Quantifizieren kann ich das nicht, weil es dazu epidemiologische Untersuchungen bräuchte und das Produkt länger am Markt sein müsste. Es wird künftig, wenn diese neuen Produkte verbreitet sind, sicher sehr viel weniger Tabaktote geben als heute, und ich glaube, dass durch Heat-Sticks auch die Zahl der durch das Rauchen verursachten Krankheitsfälle zurückgeht. Unsere Studien liefern starke Indizien dafür.

ZEIT: Mit seinen Studien hat Philip Morris die Öffentlichkeit jahrzehntelang belogen. Es hieß: Tabak schädige keine ungeborenen Kinder, Passivrauchen sei ungefährlich, Nikotin mache nicht abhängig. Warum sollen wir Ihnen diesmal glauben?

Calantzopoulos: In unserem Forschungszentrum in Neuchâtel arbeiten 400 Leute, die meisten waren zuvor bei Pharma- oder Biochemie-Unternehmen. Einer hat vorher die Abteilung für Systembiologie bei Novartis geleitet. Die sind doch nicht alle gekommen, um ihre Karrieren zu beenden und künftig Fake-Science zu betreiben.

ZEIT: Früher sah es genau danach aus.

Calantzopoulos: Ich bitte Sie nicht, mir zu vertrauen, ich bitte Sie, unsere Daten zu überprüfen! Das Aerosol der Heat-Sticks ist schnell analysiert, im Vergleich mit Zigarettenrauch erkennen Sie sofort den Rückgang der gefährlichen Substanzen. Schwieriger sind klinische Studien an Patienten. Pro Person kostet ein klinischer Test bis zu 40 000 Euro. Wenn Sie da repräsentative Ergebnisse wollen, sind Sie schnell bei acht bis zehn Millionen Euro. Wir müssen festlegen, wer das finanziert und nach welchem Schema die Studien ablaufen sollen.

ZEIT: Warum das?

Calantzopoulos: Weil uns das sonst keiner glaubt. Wir bieten ja an, alles durch unabhängige Institute untersuchen zu lassen und das zu bezahlen. Aber dann behauptet sofort einer, das Ergebnis sei gekauft. Also brauchen wir ein unabhängiges Gremium, das das Geld nimmt und festlegt, wie die Untersuchungen ablaufen sollen.

ZEIT: Was schlagen Sie vor?

Calantzopoulos: Klare Regelungen gibt es bislang nur in den USA. Dort schreibt die Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde detailliert vor, wie ein Zulassungsverfahren für neuartige Tabakprodukte abläuft. Das ist ganz ähnlich wie bei Medikamenten. Wir stecken mitten in einem solchen Verfahren und hoffen, am Ende in den USA öffentlich sagen zu dürfen, dass es sich um ein Produkt mit geringerem Risiko handelt. Ähnliche Verfahren bräuchte es auch in der Europäischen Union.

ZEIT: Welche Regulierung stellen Sie sich vor?

Calantzopoulos: Wir brauchen eine eigene Kategorie von neuartigen Tabakprodukten, die nicht verbrannt, sondern nur erhitzt werden. Deren Produktionsstandards müssen definiert und wissenschaftlich überprüft werden, am Ende sollte ein Zulassungsverfahren stehen. Kunden dürfen ja nicht in die Irre geführt werden und glauben, alle erhitzten Tabakprodukte seien gleich. Und dann geht es darum, wie die Politik den Umstieg von der Zigarette befördert.

ZEIT: Und wie?

Calantzopoulos: Sie kann Zigaretten unattraktiver machen, alternative Produkte fördern oder beides zugleich tun. Etwa durch unterschiedliche Steuersätze oder dadurch, dass sie Werbung für Zigaretten einschränkt und sie für Alternativen erlaubt. Das muss nur alles klar geregelt sein.

ZEIT: Bislang haben Sie jedes Land verklagt, das etwas regeln wollte – Uruguay wegen Rauchergesetzen, Australien, weil es die Markenlogos von den Packungen verbannt hat, Norwegen für Werbebeschränkungen. Jedes Mal haben Sie verloren.