So etwas hat Hamburg noch nicht gesehen, wollte es vielleicht gar nicht sehen. Als erster Gang das Tatar mit Kaviar in einer Sphäre aus Eis: unten als leuchtende Kristalle mit einem Lämpchen darin. Oben als glasklare Kuppel samt einer Öffnung für den Löffel. Wer so etwas vor sich stehen hat, kann natürlich fragen, ob all das Sinn ergibt. Warum hackt jemand ausgerechnet Toro zu Brei, das von sich aus butterzarte Fleisch vom Thunfischbauch? Man kann aber auch einfach staunen – so, wie die Journalistenkollegin, die durch den Raum herbeieilt, um das Werk zu betrachten.

Das Izakaya ist ein Restaurant, das Eindruck schinden will. Es gehört zu einer Kette, deren Heimat Amsterdam ist. Getippt hätte man auf Las Vegas. Schon die Einrichtung der zwei Säle spricht dem Namen ("Kneipe") Hohn: Kupfertische, Perserteppiche, Antiquitäten, ein Glasdach mit Vertikalgarten darüber und ein verspiegelter Marmorkamin.

Wer beim Service Natürlichkeit mag, muss erst mal durchatmen. Jede Geste ist einstudiert, bis zur beiläufigen Berührung. Die Begrüßerin übergibt einen lächelnd an die Zum-Tisch-Bringerin, wo die Sesselabrückerin einen schon erwartet. Man fühlt sich wie ein Patient mit hoher Pflegestufe im Luxusseniorenstift.

Dann kommt Thies, der Kellner. Er sagt: "Ich bin heute Abend verantwortlich für Sie." Er setzt sich dazu und erklärt das Konzept. Hier würden alle Gerichte zum Teilen in die Mitte des Tisches gestellt. Der Autor dieses Textes isst allein, was Thies nicht beirrt. Vielleicht bleibt er ja auf einen Happen.

Ein Blick in die Karte wirft Fragen auf. Sie ist lang, sie ist englisch, und auch sonst versteht man nur die Hälfte. Nikkei-Küche – Japano-Peruanisch –, international groß in Mode, bei uns noch kaum bekannt. Macht nichts, sagt Thies. Er stelle dem Gast gerne ein Menü zusammen.

Man muss sagen: Das macht er gut. Und noch besser ist das, was er bringt. Taufrische rohe Gelbschwanzmakrele auf einer Chili-Frischkäsesauce, beträufelt mit Passionsfruchtsaft, perfekt gebratene Jacobsmuscheln in zwei Varianten. Eine Yuzu-Trüffel-Sahne betont ihre süße Seite, eine Salsa von Queller und Shisokresse hebt das Salz hervor. Nur die Sushi sind einfach Sushi, bis auf den Umstand, dass sie kugelrund sind. Angeblich maximiert man so den Fischanteil.

Das alles ist unverhohlen auf Effekt gekocht, erreicht ihn aber auch jedes Mal. So staunte man in Hamburg zuletzt vor gut 15 Jahren, als Steffen Henssler mit seinem Westküsten-Sushi aus Kalifornien zurückkam. Nur, dass seine Kreationen heute im Vergleich so innovativ wirken wie Forelle Müllerin. Alles hat seine Zeit, merkt man beim besagten Thunfischtatar. Denn so schön seine Eiskuppel, sie neigt nun mal zum Schmelzen. Wer beim Staunen zu lang zögert, dem tropft es auf den Löffel.

Izakaya, Katharinenstraße 29. Tel. 29 99 66 69. Geöffnet sonntags bis mittwochs, 18 bis 23 Uhr, freitags und samstags bis 23.30 Uhr. Hauptgerichte um 35 Euro