Rocky

Philadelphia ist verdreckt und verroht, sagen Leute, die schon in Philadelphia waren. Ich würde gern mal nach Philadelphia. Ich würde gern die 72 Stufen hochlaufen, die eigentlich zum Museum of Art führen, bei Wikipedia aber Rocky Steps heißen. Und während ich hochliefe, würde ich dieses Lied hören: "Getting strong now", Trompeten, Schlagzeug, "gonna fly now".

Ein Freund hat es mir auf CD gebrannt. Vermutlich, um mich ruhigzustellen.

Ich weiß nicht, wie oft ich die Rocky-Filme schon geschaut habe. Ich weiß, dass ich einzelne Szenen mitsprechen kann. "Es kommt nicht drauf an, wie hart einer zuschlagen kann." Rocky steht draußen vor dem italienischen Restaurant, das ihm gehört, es ist Nacht, ihm gegenüber sein Sohn Robert, ein Schnösel mit Krawatte und gegelten Haaren. "Es zählt bloß, wie viele Schläge er einstecken kann." Rocky sagt dann noch was über Stärke, übers Weitermachen, der Sohn blinzelt, guckt weg. Klar ist das abgegriffen. Aber ist es deshalb weniger wahr?

Meine Freunde schauen amerikanische Serien über New Yorker Werbefachmänner in Maßanzügen, die Whisky weglitern, den sie selbst sich nie leisten würden. So einen wie Rocky finden sie prollig. Die Muskelberge, dieses Rumgenuschel, das hängende Lid. Wenn Rocky durch Arbeiterviertel joggt, um für den nächsten Kampf fit zu werden, dann keucht er, puncht wahllos in die Luft, und das Oberteil seines Trainingsanzugs steckt in der Jogginghose. Er sieht unmöglich aus. Herrlich unperfekt.

Ich habe lange in einer Karnevalsgarde getanzt. Ewiges Warmmachen, Spagatsprünge, Hebefiguren. Als ich von zu Hause ausgezogen bin, brauchte ich einen neuen Sport. Einen, der mich fordert. Da habe ich an Rocky gedacht.

Donnerstagabend, Trier-Nord, mein Trainingspartner und ich schlagen uns die Fäuste in die Pratzen und die Bauchdecken. Meine Füße sind lahm, die Fäuste schwer, als der Trainer durch die Halle schreit: "So, jetzt noch ’ne Runde Seilspringen!"

Wenn Rocky trainiert, hat er Mickey, der an der Seite des Rings steht und auf ihn einredet, ihm zuflüstert, ihn beschwört. Ich habe niemanden – und nach 17 Minuten keine Lust und auch keine Kraft mehr. Ich denke dann oft an Filmszenen.

Wie Rocky im Schlachthaus auf Schweinehälften eindrischt, Schlaghand, Führhand, wieder Schlaghand. Wie er sich entscheidet, Apollo Creed zu rächen, der erst sein Gegner im Ring war und dann sein Freund. Manchmal hilft es mir schon, nur die Titelmelodie zu summen, "getting strong now / gonna fly now". Und weiter geht’s. Mit dem Training in der Halle. Und auch mit dem Leben draußen.

Als vor zwei Jahren der siebte Teil gedreht wurde, war ich beunruhigt. Man kennt das von Fortsetzungen, man sitzt davor und lauert auf Peinlichkeiten. Es gibt diese eine Szene, Rocky am Schreibtisch. Seine Hände, die mit den Jahren zu Pranken geworden sind, halten eine Lesebrille, das Licht dämmert. Da sitzt also dieser alte Mann, der in Creed nur eine Nebenfigur ist und trotzdem jede Szene beherrscht. Er ist erhaben und zart und noch immer ein Kämpfer. Ich war erleichtert.

Rocky schaue ich etwa jedes halbe Jahr. Ich weiß, was mich erwartet. Und ich bin nie enttäuscht. Samstags abends, wenn ich von irgendwoher nach Hause komme und zu aufgekratzt bin, um zu schlafen. Oder an verregneten Sonntagen. Ich stehe dann früh auf, ich habe schließlich was vor. Zwölf Stunden und 47 Minuten lang.

Flug 1307 von Düsseldorf, das habe ich gegoogelt, braucht über Paris nach Philadelphia 12 Stunden und 50 Minuten. Würde passen.