Ich arbeite vier Meter unter der Erde in der Kanalisation, wir klettern an Steigeisen hinab. Wir sind zu zweit, zwei weitere Kollegen bleiben als Rufbereitschaft oben. Ein Rettungsgurt sichert mich gegen einen möglichen Absturz.

Ich trage einen Helm mit LED-Lampe, meine Kanalhose mit integrierten Gummistiefeln reicht mir bis knapp über die Brust, meine Handschuhe gehen bis zum Ellbogen. Normalerweise waten wir mitten durch die Abwasserrinne, wo Klopapier, Binden und Essensreste schwimmen. Meistens reicht mir das Wasser bis zur Wade, manchmal bis zur Brust. In einigen größeren Kanälen können wir auch rechts und links auf Podesten laufen.

Die kleinsten Kanäle sind nur 1,05 Meter hoch und 70 Zentimeter breit. Ich bin 1,84 Meter groß und krabbele auf allen vieren da durch. Das kann nicht jeder. Alle neuen Kollegen müssen erst mal einen Probetag überstehen.

Die Temperatur da unten ist ziemlich konstant. Im Sommer ist es deshalb angenehm kühl und im Winter warm. Meine Aufgabe ist es, die Kanalisation instand zu halten. Je nach Auftrag habe ich eine Maurerkelle, einen Fettstecher oder eine Axt dabei, falls ich mal Wurzeln beseitigen muss. Wenn wir einen Kanal mit einem Hochdruckschlauch reinigen, tragen wir Funkgeräte, um uns besser verständigen zu können.

Nach Fäkalien riecht es eigentlich nie, eher nach Putzwasser und manchmal nach faulen Eiern, in Düsseldorf, wo ich arbeite, aber auch schon mal nach Waschmittel oder Pfefferminztee, weil die Firmen Henkel und Teekanne hier produzieren. Ein Küchenabfluss stinkt schlimmer.

Die Ratten, die im Kanal leben, hauen meistens ab, außer man treibt sie in die Enge. Manche Muttertiere versuchen dann sogar zu beißen. Wenn wir sie nicht verscheuchen können, schalten wir das Licht aus, damit sie weglaufen können. Spinnen leben da unten auch, und in den Regenwasserkanälen finde ich manchmal Frösche, Krebse oder Fische.

Viele Kollegen haben die "Kanaltaufe" schon hinter sich. Ich bin zum Glück noch nie ausgerutscht und reingefallen. Gelegentlich spritzt einem aber Abwasser ins Gesicht. Ich musste erst lernen, den Mund immer geschlossen zu halten. Außerdem sollten wir uns nicht kratzen, wenn es irgendwo juckt. Wir sind zwar alle gegen Hepatitis geimpft und werden regelmäßig ärztlich untersucht, aber schon nach meiner ersten Woche in der Kanalisation hatte ich eine Magen-Darm-Grippe. Das geht fast jedem so. Inzwischen habe ich ein sehr robustes Immunsystem und bin seltener krank als früher.

Aufgezeichnet von Daniel Kastner

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