Auf dem Tisch im großen Sitzungszimmer liegt ein Prospekt. Erste Anlage zur Elimination von Mikroverunreinigungen in der Schweiz. Daneben ein simples Ringheft. "Spirit", steht drauf. Darin notiert Max Schachtler seine Geistesblitze, die er manchmal nachts "oder in anderen unmöglichen Momenten" hat.

Die Frage, die den CEO der modernsten Kläranlage der Schweiz umtreibt, ist immer dieselbe: "Wie können wir die Anlage noch besser machen?"

Die Anlage, das ist die Kläranlage Neugut in Dübendorf. Hier kümmert sich Schachtler mit seinen zehn Mitarbeitern um die Reinigung des Abwassers von 50.000 Menschen und drei großen Industriebetrieben in den Gemeinden Dübendorf, Dietlikon und Wangen-Brüttisellen und einem Teil von Wallisellen.

Je nach Wetter fließen an einem Tag 20 bis 50 Millionen Liter durch die Becken und werden erst mechanisch, dann biologisch mit Bakterien und seit 2014 auch mit Ozon behandelt. Es ist die erste Anlage dieses Typs in der Schweiz – und die Dübendorfer erfüllten damit ein Gesetz, bevor dieses überhaupt in Kraft trat.

Der Zugang zu sauberem Wasser ist ein Menschenrecht. Trotzdem sind weltweit 768 Millionen Menschen gezwungen, ihr Trinkwasser aus verunreinigten Quellen zu beziehen. Weil Kläranlagen fehlen, gelangen Industrie- und Haushaltsmüll, aber auch Fäkalien, direkt in Seen und Flüsse. Auch die Landwirtschaft trägt zur Wasserverschmutzung bei. Mit verheerenden Folgen. Jedes Jahr sterben rund 1,5 Millionen Menschen an verunreinigtem Wasser.

In der Schweiz machen sogenannte Mikroverunreinigungen den Gewässern zu schaffen. Medikamentenrückstände, Stoffe aus Wasch- und Kosmetikmitteln, aber auch Pflanzenschutzmitteln aus der Landwirtschaft und Chemikalien aus Industriebetrieben. Die Partikel sind so klein, dass sie von bloßem Auge nicht sichtbar, dafür umso schädlicher sind. Zum Beispiel für die Fortpflanzung der Fische. Die gefährlichen Stoffe können auf zwei Arten aus dem Wasser geholt werden: Mit Aktivkohle oder eben mit Ozon. Wie das geht, erklärt Schachtler den vielen Gästen, die ihn aus europäischen Ländern, aber auch aus den USA, Thailand, Japan, Vietnam und Australien besuchen, mit einem Stück Schweizer Schokolade. "Das ist der Medikamentenrückstand." Er fischt sich ein Stück aus der Schale, legt es in die Mitte, hebt dann die Hand, ballt sie zur Faust: "Das Ozon mit seinen drei Sauerstoffatomen wirkt wie ein Hammer, der den Medikamentenrückstand zertrümmert." Dann lässt er die Hand langsam sinken. "Die Einzelteile sind nun gut verdaulich, werden abgebaut, und manche suchen sich Partner, die sich in der Kombination vertragen und umweltverträglich sind."

Sehen tut man von alldem in der Kläranlage Neugut nichts. Der Prozess findet im Dunkeln, in einem Beton-Reaktor statt, Messgeräte zeichnen auf, was im Innern geschieht. Zuletzt durchfließt das ozonierte Wasser Sandfilter. In diesen werden die bei der Ozonung gebildeten Transformationsprodukte biologisch abgebaut. Das Wasser fließt in die Glatt, von 80 bis 90 Prozent der Mikroverunreinigungen befreit.

Als Schachtler 2009 beginnt, Verbündete für sein Vorhaben zu suchen, spricht kaum jemand in der Schweiz von Mikroverunreinigungen im Wasser. Es ist kein großes Thema, schon gar kein politisches. "Wir haben es auf eigenes Risiko gemacht, weil wir überzeugt waren: Das wird, das muss kommen", sagt der 60-jährige Ingenieur.

Als Erstes holt Schachtler die Eawag ins Boot, das Wasserforschungsinstitut des Bundes, das nur ein paar Hundert Meter von der Kläranlage entfernt seinen Sitz hat. Dann spricht er mit dem Stadtrat von Dübendorf über das Pioniervorhaben, das der Stadt ein grüneres Image verleihen könnte, und er bittet die Gemeinden, denen seine Anlage gehört, um Geld für diese Investition – er kann schließlich alle überzeugen.

Max Schachtler hat nicht nur Schmutzwasser im Kopf. Das wird spätestens klar, wenn man zu ihm ins Auto steigt. Im Armaturenbrett steckt die Feder eines Mäusebussards, sie erzählt von seinem anderen Leben. Davon, dass er seine Inspiration nicht nur aus der Wissenschaft und seinen 35 Berufsjahren in der Abwasserreinigung zieht, sondern auch aus der geistigen Welt.

Als indianischer Töpfermeister und Medizinmann der Apachen hilft er am Wochenende Menschen. Früher in einer psychiatrischen Klinik, heute mit Workshops bei sich zu Hause in Langenthal. "Im Prinzip tue ich immer dasselbe." Er klärt den Dreck.

3,3 Millionen Franken hat sein Ozon-Projekt gekostet, "das ist extrem wenig", sagt Schachtler. Schuld daran sei auch die Vergangenheit: Als man Mitte der 1990er Jahre die Kläranlage zu planen begann, tat man dies "typisch schweizerisch, etwas zu groß und baute Reserven ein". So sei es möglich gewesen, den Ozonreaktor zu bauen, ohne dafür ein Stück Land zu kaufen.

Im Frühling 2014 nimmt Schachtler die Anlage in Betrieb – fast gleichzeitig beschließt das Schweizer Parlament als erstes der Welt: Mikroverunreinigungen sollen per Gesetz eliminiert werden. Anlagen, die im Einzugsgebiet von Seen und in dicht besiedelten Gebieten liegen, müssen in den nächsten Jahren nachgerüstet werden. Kostenpunkt: 1,2 Milliarden Franken.

Wer sich heute in der Schweiz mit Gewässerschutz befasst, ist sicher schon einmal in Dübendorf gewesen. Und er lernt von den Erfahrungen, die Schachtler hier gesammelt hat – und von den Forschungsarbeiten, die inzwischen nicht mehr die Eawag, sondern die Kläranlage-Mitarbeiter selber durchführen. Nicht selten steht am Anfang ein Geistesblitz ihres Chefs.

Aber da gibt es ein paar Probleme: Schachtler und sein Team haben Schwierigkeiten, überhaupt messen zu können, was sie tun. Im Rund-um-die-Uhr-Betrieb einer Kläranlage kommen gängige Geräte an ihre Grenzen. Deshalb sieht es im Neugut-Keller aus wie in einem Testlabor. Messinstrumente von verschiedenen Firmen werden ein-, um- und wenn nötig wieder ausgebaut. Sodass bald die ganze Schweiz und die halbe Welt von den Pionieren in Dübendorf profitieren kann.