Vom 12. bis 14. Juni 2017 fand in Dresden die 206. Tagung der Innenministerkonferenz (IMK) statt. Wie immer war die "Bekämpfung der Kriminalität" Programm und Ergebnis zugleich. Deutschland war vorher unsicher, jetzt ist es sicherer.

Die komplette Abschaffung der Gefahr konnte wie bei den 205 vorangegangenen IMK-Tagungen auch diesmal nicht erreicht werden. Erstens weil der schreckliche Föderalismus das sicherheitspolitische Durchregieren verhindert. Zweitens weil Deutschland nur knapp 0,24 Prozent der Landfläche der Erde einnimmt, was dazu führt, dass es nur begrenzten Einfluss auf die Sicherheitslage der Welt hat. Sachsen zum Beispiel hat fünftausend Millionen Euro Schulden, aber nur vier Millionen Einwohner, das sind 0,05 Prozent der Weltbevölkerung, die im Jahr 2016 um 83 Millionen Menschen angewachsen ist. Die Chance, dass die Schleierfahndung zwischen Dresden und Bautzen sich in Kairo (9,5 Millionen Einwohner), Mexiko-Stadt (20 Millionen) oder Shanghai (24 Millionen) herumspricht, ist also klein. Drittens weiß man, dass tiefe Besorgnis über die Sicherheitslage zur Natur eines Innenministers gehört wie der Todesruf zum Waldkauz und dass eine gewisse Grunderregung über Bedrohungen die Orientierung der Deutschen im Weltenlauf meist sehr erleichtert. Nach der Innenministerkonferenz ist also stets vor der Innenministerkonferenz. Die 207. Konferenz findet in einem halben Jahr statt.

Die Lage

In Deutschland wird, wie es sich in diesen Zeiten gehört, angeblich alles immer schlimmer. Nach einer Woche mit Live-Schaltungen vom Rande der Innenministerkonferenz ist das besonders deutlich; überdies steht die "heiße Phase" des Bundestagswahlkampfs vor der Tür; da steigt die sicherheitspolitische Sensibilität besonders hoch.

Die Sicherheit des Lebens und der Rechtsgüter hat objektiv und im Bewusstsein der Bevölkerung zu Recht hohe Bedeutung. Niemand möchte sich bedroht fühlen, und kein Opfer einer Straftat darf mit der Auskunft abgefertigt werden, es habe sich wieder einmal ein statistisches Risiko verwirklicht.

"Jede Straftat ist eine zu viel" ist ein ebenso banaler wie wahrer Spruch. Während der letzten Jahrtausende ist es der menschlichen Zivilisation allerdings nicht gelungen, vollständige Sicherheit herzustellen. Daher wird die nach jedem Verbrechen und jeder Katastrophe neu ersonnene Experten-Auskunft "Hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben" voraussichtlich auch künftigen Generationen zuteilwerden. Und die Polizei wird weiterhin behaupten, ein Paradies der Sicherheit lasse sich vielleicht erreichen, wenn man ihr nur endlich eine letzte noch fehlende Befugnis erteile. Angesichts dessen mag es emotional sperrig sein, ist aber in der Sache wichtig, Rationales und Irrationales, Wichtiges und Unwichtiges auseinanderzuhalten. Der Kommunikation über innere Sicherheit kann man sich mit einem Listen-Modell annähern.

Liste 1 der Bedrohungen können Sie den Nachrichten sowie den Interviews von Innenpolitikern entnehmen: In Deutschland wird immer noch in Wohnungen eingebrochen, es werden immer noch Kinder sexuell missbraucht, immer wieder sterben Menschen im Straßenverkehr. In den Städten laufen Personen umher, die Drogen mit sich führen, Geldstrafen nicht bezahlt haben oder aus anderen Gründen gesucht werden. An möglichen Orten von Straftaten werden Millionen von Spuren hinterlassen, die noch nicht vollständig genetisch entschlüsselt werden dürfen. Plätze sind nicht flächendeckend mit polizeilichen Kameras ausgerüstet. Die Kommunikation und der Zahlungsverkehr der Bevölkerung spielen sich teilweise noch in unüberwachten Sphären ab. Zehnjährige Kinder verfallen dem Islamismus. Menschen, die sich wahnhaft im Land einer Reichsverfassung glauben, vergraben Waffen für den Tag der Auferstehung.

In den Worten der Empörungsmagazine: "Immer mehr" Menschen werden Opfer von "immer mehr" Taten. Das ist, soweit es alarmistisch einen sich beschleunigenden Anstieg suggeriert, überwiegend falsch, auf eine banale Weise aber unbestreitbar: Kaum ist eine Tat aufgeklärt, folgt die nächste, und so haben wir von allem immer mehr: Taten, Täter, Opfer und Sicherheitsexperten. Die Liste der aktuellen Unsicherheiten soll hier nicht lächerlich gemacht werden. Viele der Gefahren und Schadenswahrscheinlichkeiten bestehen tatsächlich. Trotzdem oder gerade deshalb ist es notwendig, die Bedrohungen zu relativieren, also in einen Bezug zu ihrer Umgebung zu setzen.