Plötzlich revolutionär. Wie mein Vater in Westdeutschland sich neu politisierte

Als mein Vater 1969 in Berlin ankam, hatte er zunächst Schwierigkeiten mit der Kälte, der Sprache, dem Essen. Noch befremdlicher aber war der junge Mann, der mit ihm im Haus einer alten Dame zur Untermiete wohnte. Werner, ein Typ mit langen, blonden Haaren, der an der FU Soziologie studierte.

"Ich bewundere Wernher von Braun", sagte mein Vater bei ihrer ersten Begegnung. Ein Lob für einen deutschen Raketenbauer, dachte er, kommt sicher gut an. "Der Typ war ein Arschloch", knurrte Werner. "Ein Komplize der US-Imperialisten!" Arschloch? Imperialisten? Was hatte Werner gegen Amerika?

Mein Vater war in Saigon zur Schule gegangen, der Hauptstadt des damaligen Südvietnams. Weil die USA seine Regierung unterstützten, war für ihn klar, auf welcher Seite er stand: Die Amerikaner waren die Freunde. Und die Kommunisten aus Nordvietnam waren die Feinde, die den Frieden seiner Heimat störten. Nur wenige Monate vor seinem Abschied aus Vietnam hatten sie den Krieg mit der Tet-Offensive in seine Stadt getragen. Alle Familien versuchten damals, ihre Söhne vor dem Einzug in die südvietnamesische Armee zu bewahren: Die meines Vaters schickte ihn zum Studium nach Deutschland. So würde er auch noch eine gute Qualifikation mitbringen, wenn er später heimkehren würde.

Wie hätte mein Vater ahnen können, dass die Deutschen über die Schlachtordnung des Vietnamkriegs anders dachten als er? Dass sie seine Freunde als Feinde ansahen und seine Feinde als Idole?

Die jungen Leute in Saigon träumten davon, in Amerika zu leben; in Berlin sprachen sie davon, es zu besiegen. Mein Vater erfuhr, dass die Studenten auf die Straße gingen, um für den Mann zu demonstrieren, den er so fürchtete: Ho Chi Minh, der Anführer der Kommunisten in Nordvietnam. Sie sprachen davon, dass der Vietnamkrieg eine Gewissensfrage für die ganze Menschheit sei, sie klangen wie die Vietcong. "Ich bewundere, dass sich ein kleines Volk gegen das große Amerika erhebt", sagte Werner.

Verdammt, dachte mein Vater. Haben die Kommunisten etwa Deutschland infiltriert?

Aus Neugier entschied er sich eines Tages, vielleicht war es das Jahr 1970 oder 71, eines der vielen Sit-ins an der FU zu besuchen. Das Gelände und die Mensa waren mit den rot-blauen Fahnen der Nationalen Befreiungsfront geschmückt. Auf einem Podium saßen die Mitglieder des Vietnam-Ausschusses – alles Deutsche. Mein Vater setzte sich mit ein paar vietnamesischen Freunden in die letzte Reihe. "Warum interessieren die sich so für uns?", flüsterten sie sich zu. Mein Vater verstand es nicht. Aber diese Deutschen fanden Vietnam cool, und das gefiel ihm.

Der Bundesvorstand der Vietnamesischen Studentenvereinigung bei einer Sportveranstaltung in Stuttgart im Sommer 1975 anläßlich der „Befreiung von Südvietnam“. Thoai Pham, der Vater der Autorin, ist der zweite von links. © privat

Je mehr Bomben die Amerikaner auf seine Heimat fallen ließen, desto öfter besuchte mein Vater die Vietnam-Veranstaltung seiner deutschen Kommilitonen. Die Kriegsbilder, die er dort sah, brachten ihn ins Zweifeln: Dorfbewohner, die aus verbrannten Häusern rannten. Tote Kinder. Ho Chi Minh, der in einfacher Kleidung zu Menschen sprach, während sich der südvietnamesische Präsident Diem in einem Sitz von Dienern tragen ließ, damit sein weißer Anzug nicht schmutzig wurde. Die südvietnamesische Regierung schien unfähig, die Kämpfe zu beenden und den Frieden zu sichern. Vielleicht sind die Vietcong ja nicht nur Terroristen, dachte mein Vater. Und vielleicht sind die Amerikaner nicht nur Freunde.

1972 bombardierten die Amerikaner Hanoi zwölf Tage und Nächte lang, die Studentenbewegung rief zu einer großen Demonstration vor der Gedächtniskirche auf. Mein Vater ließ sich hineintreiben, danach beschloss er, selbst tätig zu werden. Zusammen mit anderen vietnamesischen Freunden gründete er einen Verein. Wenn ein vietnamesischer Kommilitone aufgrund seiner politischen Gesinnung nach Hause geschickt werden sollte, protestierten sie. Sie organisierten auch Solidaritätsveranstaltungen mit deutschen Aktivisten. Der linke Philosoph Wolfgang Fritz Haug lud meinen Vater nach Hause ein, um bei Rotwein über den Krieg und vietnamesische Philosophie zu diskutieren. Der Theologe Helmut Gollwitzer war Gast, als mein Vater meine Mutter heiratete.

Mein Vater war nicht mehr irgendein ausländischer Student – sondern ein vietnamesischer Revolutionär, der das Gewissen der Menschheit vertrat.

Meinem Großvater hat er von seinem Engagement nie erzählt, vielleicht hat sich die Nachricht über Bekannte nach Vietnam verbreitet. Es war gefährlich: Wenn die südvietnamesischen Behörden davon erführen, würden sie meinen Vater vielleicht als Spitzel verdächtigen. Eines Tages landete ein Brief in seinem Postfach: "Wenn das stimmt", schrieb mein Großvater, "dann brauchst du weder zu antworten noch nach Vietnam zurückzukommen!"

Als mein Vater vier Jahre nach Kriegsende zum ersten Mal wieder Saigon besuchte, war er überrascht. Er hatte gedacht, dass Ho Chi Minh das Land neu aufbauen würde. Nun sah er, dass Vietnam zwar wiedervereinigt, aber gesellschaftlich gespalten war. Durch das Embargo der Amerikaner war es wirtschaftlich geschwächt, und es war wieder in Kämpfe verwickelt. In Kambodscha führte es Krieg, an der chinesischen Grenze musste es sich selbst verteidigen. Als Schüler hatte mein Vater davon geträumt, im Ausland zu studieren. Als Student hatte er davon geträumt, seine Heimat für die Revolution aufzubauen. Jetzt, da die Revolution vorbei war, hörte er auf zu träumen. Er kehrte nach Deutschland zurück und wurde Arzt. Vietnam besucht er seitdem nur noch im Urlaub.

Im letzten Absatz stand ursprünglich: "Durch das Embargo der Amerikaner war es wirtschaftlich geschwächt, und es führte wieder Krieg – in Kambodscha und an der chinesischen Grenze." Vietnam verteidigte sich an der chinesischen Grenze aber selbst. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen und haben das korrigiert. Die Redaktion