Die Donau fließt klar und glitzernd nach Nordosten. Da vorne, jenseits der Brücke ist Albrecht Ludwig Berblinger im Jahr 1811 vor den Augen des württembergischen Herzogs Heinrich jäh in den Fluss gestürzt, in seinem Gestell aus Rohrstöcken und Stoff. Kein günstiger Wind fuhr damals dem Schneider von Ulm unter seine starren Flügel.

Das Vehikel für die digitale Zeitreise ist erfreulicherweise beweglich. Seine Schwingen spannen sich auf Armeslänge nach links und rechts, lassen sich mit geringem Krafteinsatz auf oder ab bewegen und münden in Handflächen, die sich vor- oder zurückdrehen lassen. Das Gerät ist in schlichtem Schwarz-Weiß gehalten. Der Nutzer kniet sich darauf, legt den Oberkörper auf ein Polster und umfasst die Griffe ganz außen. So hockt man halb und liegt halb auf einer Mischung aus Moped und Massageliege. Birdly heißt das Gerät, es kommt aus Zürich und ist ein ganz besonderer Flugsimulator. Zum namengebenden Anspruch, den Nutzer in einen Vogel hineinzuversetzen, steht seine physische Präsenz zwar in einem gewissen Widerspruch. Doch von der Hardware sieht der Nutzer ja nichts. Der trägt eine Computerbrille mit zwei Bildschirmen auf der Nase. Und auf denen sieht er als virtuelle Realität (VR) Ulm von oben…

Am trutzigen Metzgerturm mit seinem spitzen Walmdach vorbei geht es zur Brücke, welche die Donauinsel mit der Altstadt verbindet. Jetzt – Konzentration! – in die Kurve und runter, geradewegs durch das Stadttor. Vorsichtig, um nicht links oder rechts die Häuser der Altstadt zu touchieren. Eng ist es hier zwischen dem Fachwerk und den nackten Steinmauern. Zeit, sich nach oben in die Luft zu schwingen. Kippt der Nutzer beide Handflächen (und damit die Flügelenden) nach hinten, geht es aufwärts. Ein paar kräftige Flügel-, Pardon, Armschläge beschleunigen den Flug. Schnell kommt das Münster näher. Der Turm der Kirche lässt auf das Jahr schließen: Fertig gemauert, aber noch eingerüstet, das kann nur 1890 sein. Darauf sind die Ulmer Bürger stolz. Da hatten sie den mehr als 550 Jahre lang unvollendeten Bau fertiggestellt, bis heute ragt hier der höchste Kirchturm der Welt auf. Mal näher rangleiten!

Japan - Virtual Reality ohne Brille Japanische Forscher haben einen Bildschirm entwickelt, vor dem man sich ohne Ausrüstung in virtuelle Abenteuer stürzen kann. Wie das aussieht, sehen Sie im Video. © Foto: AFP-TV

Wird die linke Handfläche nach vorne und die rechte gleichzeitig nach hinten gedreht, führt der Flug um den Turm herum. Währenddessen reagiert die Szenerie in der Brille auf jede Kopfbewegung: nach oben (Wolken), nach links (das Holzgerüst und die Steinstreben der Turmspitze) – und nach unten (der Münsterplatz in schwindelerregenden 160 Metern Tiefe). Dazu liefert ein gepolsterter Kopfhörer atmosphärische Klänge; eben noch an der Donau sanftes Geplätscher, jetzt, in luftiger Höhe, den Wind und zuweilen sogar Gezwitscher, wenn der Flug vorbei an einer Gruppe anderer Vögel geht.

So können ab Juli Ulm-Touristen die Stadt auf eine bislang undenkbare Art besichtigen – durch die Vergangenheit fliegend. In einer Seitenstraße des Münsterplatzes steht dann das Birdly für Besucher bereit. Es ist eine aufwendige Kombination aus historischer Rekonstruktion und digitaler Illusionistik. Eine alte Fantasie wird hier technisch verwirklicht; das erste Angebot dieser Art in Deutschland. Es gehört zum Projekt "Ulm Stories" der Stadt, der Münstergemeinde und der Interactive Media Foundation. Umgesetzt hat die Vogelsimulation die Hamburger Digitalagentur Demodern.

Als Vorahnung einer Technik aus der nahen Zukunft ist das Birdly auch für Nicht-Ulmer und Niemals-Ulm-Besucher interessant. Seit es VR-Brillen zu kaufen gibt, gibt es Flugspiele dafür. Etwa Eagle Flight für die Playstation VR. Da gilt es, einen Adler durch den Himmel über Paris zu steuern – allerdings auf dem Sofa sitzend, mit dem Spielcontroller in der Hand. Und seit 2016 liefert das Münchner Start-up Icaros sein gleichnamiges Fitnessgerät aus, das Sportler per Muskelkraft bewegen müssen, während sie per VR-Brille einem Flugparcours folgen.

Immersion heißt der Fachbegriff für das Maß an Sinnlichkeit so einer virtuellen Erfahrung. Und was Flüge auf dem Birdly besonders immersiv macht, sind die Bewegungen seines Gestells. Im schwarzen akkordeonhaft faltigen Sockel stecken Motoren. Beim Sturzflug kippen sie den Nutzer nach vorne, in engen Kurven in Schräglage. Und steuert der Nutzer wieder nach oben, fährt ihn das Gerät spürbar in die Höhe. Das Gleichgewichtsempfinden und die visuellen Eindrücke sind synchron. Und der Ventilator an der Vorderseite erzeugt noch einen Luftzug, der zum Flugverlauf passt. Diese Melange aus Bild, Ton, Wind, Bewegung und Balance ruft eine Illusion von Authentizität hervor: So könnte es wirklich sein, als Vogel. So ist es, im Traum.

Wenn Psychologen Listen der häufigsten Traummotive erstellen, landet das Fliegen stets unter den Top Ten. Bloß weiß man aus der Schlafforschung, dass Menschen zumeist träumen, ohne sich am nächsten Morgen daran erinnern zu können. Wie viele Flüge wohl nie erinnert werden? Was wohl derjenige alles verpasst, der nie vom Fliegen träumte? Eine Ahnung gibt es jetzt, als Urgefühl, jederzeit technisch abrufbar.

VR-Installation "Der Traum vom Fliegen", ab 15. Juli in der Kramgasse 3 in Ulm, rund zweieinhalb Minuten Flugsimulation für 4 Euro