Die Debatte, ob das Gymnasium acht oder neun Jahre dauern soll, ist neu entfacht: Die künftige Regierung von Schleswig-Holstein favorisiert nun wieder das neunjährige Gymnasium, auch die neue Koalition in Nordrhein-Westfalen will auf die frühere Regel zurückgreifen. Doch die Diskussion um G8 und G9 greift zu kurz. Worauf es wirklich ankommt, ist der Stellenwert des Abiturs. Da in vielen Bundesländern mehr als die Hälfte der Schulkinder aufs Gymnasium gehen, wird das Abitur zum Regelabschluss. Dies ist nur dadurch zu erkaufen, dass die Anforderungen zurückgehen. Eignet sich dann das Abitur noch als Zugangsvoraussetzung für ein Studium?

Schon heute ist zu beobachten, dass Gymnasien, die im Ruf stehen, "leichter" zu sein, in der Oberstufe Zulauf erfahren von Schülern aus anforderungsstarken Gymnasien, die sich einen besseren Abiturschnitt erhoffen. Obwohl die schriftlichen Abiturprüfungen vereinheitlicht wurden, zählen für den Durchschnitt die Noten aus den letzten Schuljahren in hohem Maße. Jeder, der heranwachsende Kinder hat, kennt die Diskussion um die strategisch richtige Fächerwahl, durch die sich die besten Noten erzielen lassen.

Das ist ein Dilemma, für das es nur eine Lösung gibt: Die Universitäten stellen eigene Eingangsprüfungen auf. Wer von einem "schwereren" Gymnasium kommt, hat größere Chancen, hier besser abzuschneiden, als jemand von einem "leichteren" Gymnasium.

An vielen privaten Hochschulen spielt die Abi-Note für die Aufnahme keine Rolle mehr. Hier entscheidet allein, wie die Bewerber in einer mündlichen und schriftlichen Prüfung abschneiden. Einen solchen Aufwand können staatliche Hochschulen wegen der Zahl der Bewerber nicht leisten. Aber ein bundesweites Testverfahren zu entwerfen und festzulegen, wie viele Punkte jemand für ein Studium in Heidelberg und München oder Hamburg und Oldenburg erreichen muss – das sollte für die staatlichen Hochschulen machbar sein, die mit der Hochschulrektorenkonferenz über eine bundesweite Einrichtung verfügen!

Ein solches Verfahren würde die anspruchsvollen Gymnasien stärken und könnte den Gymnasien mehr Mut zu eigenwilligen Schwerpunkten verleihen. Viele Schüler fühlten sich ermutigt, eines der schweren Mint-Fächer zu wählen, wenn sie wüssten, dass ihre Note dort keinen Einfluss auf ihre Studienwünsche hat. Auch die Gymnasiallehrer könnten wieder gerechtere Noten erteilen, weil von einem "ausreichend" nicht das Leben des Abiturienten abhängt. Das neue Verfahren würde gleichzeitig bekräftigen, dass Begabungen nicht gleich verteilt sind und anspruchsvolle Universitäten das Recht haben, sich die besseren Erstsemester auszusuchen. Ja, das ehrwürdige Abitur wäre als alleinige Zugangsvoraussetzung fürs Studium abgelöst, aber was ist das Problem, wenn es ein neues leistungsmessendes Verfahren gibt und das Abitur zu seinem alten Recht zurückkehrt, ein Abschlussexamen und kein Eintrittsexamen zu sein?