Am Ende ging es dann doch holterdiepolter: Vergangenen Montag erst hatte der NDR verkündet, dass Thomas Hengelbrock seinen Vertrag als Chefdirigent des Elbphilharmonie Orchesters nicht verlängern werde, am Dienstag wurde zur Pressekonferenz mit seinem Nachfolger geladen, und am Freitag präsentierte sich dieser der Öffentlichkeit. Ein Führungswechsel mit Fingerspitzengefühl sieht anders aus, zumal Hengelbrock just in der Woche insgesamt acht Konzerte für Hamburg bestritt und ein Late-Night-Event. Leicht angespannt wirkte auch Alan Gilberts erster Auftritt, wiewohl witzig inszeniert auf Ebene 15 der Elbphilharmonie, mit fliegender Saaltür, Applaus und Blitzlichtgewitter. Ein Überraschungsei-Effekt mit viel Effekt und wenig Überraschung – sei es, dass in den süßen Dingern sowieso immer der gleiche kleine Plastikritter steckt, sei es, dass die Personalie des 50-jährigen US-Amerikaners bereits seit Monaten kursierte und die Unterschiede zwischen ihm und Hengelbrock so groß nicht sein dürften.

Hamburg freilich ist nicht New York, und das beantwortet zumindest die Frage, was Alan Gilbert nach acht Jahren beim New York Philharmonic Orchestra – dem Orchester Gustav Mahlers! Toscaninis! Bernsteins! – jetzt in die Arme des NDR treibt. Weder vom Renommee her stellt dieser Wechsel für ihn eine Verbesserung dar noch von der musikalischen Qualität. New Yorks Philharmoniker mögen in ihrer 175-jährigen Geschichte glänzendere Zeiten gesehen haben; dass sie in einer anderen Liga spielen als die NDR-Musiker, liegt trotzdem auf der Hand. Und daran hat auch deren etwas steifbeinige Umbenennung in NDR Elbphilharmonie Orchester wenig geändert.

Hamburg aber hat die Elbphilharmonie, jene "Ikone" der Stadt, wie Gilbert sagt, die in so kurzer Zeit "alles" verändert habe. New York hingegen harrt der überfälligen Renovierung der David Geffen Hall im Lincoln Center. Mindestens 500 Millionen Dollar werden die Arbeiten verschlingen, vor allem der akustische Ausgang ist wie immer ungewiss, und fertig wird das Ganze frühestens 2022. Managen soll diese Interimszeit Deborah Borda, die Wunder-Intendantin aus Los Angeles, wo sie Geburtshelferin von Frank Gehrys spektakulärer Walt Disney Concert Hall war, für deren guten Ton wiederum – hallo, Elbphilharmonie! – Yasuhisa Toyota verantwortlich zeichnet (abermals zusammen mit dem legendären Tokioter Akustik-Büro Nagata).

Die Welt der Musik ist also klein, und Alan Gilbert hatte mehrere gute Gründe, New York zu verlassen: Neben den baulichen und finanziellen waren dies vor allem "philosophische", wie er es nennt – die hartnäckig sich haltende Unlust nämlich in Orchesterkreisen wie im Publikum jedwedem Neuen gegenüber. Wer für klassische Musik privat aufkommt, hat es eben lieber gemütlich, traditionell. Außerdem ist Gilbert in Hamburg ein alter Bekannter: Von 2004 bis 2015 war er Erster Gastdirigent beim NDR, weswegen man ihm nun gleich einen Fünfjahresvertrag gegeben hat. Zwölf Wochen wird er ab Sommer 2019 pro Saison präsent sein, was nicht richtig viel ist, aber auch nicht richtig wenig, und natürlich freut er sich, seinen beruflichen Schwerpunkt wieder in Europa zu haben. Gilberts Familie lebt im nahen Stockholm.

Wie klein die Welt der Musik ist, zeigt sich an der Währung, mit der international gezahlt wird. Die gründet sich schon lange nicht mehr aufs Künstlerische, auf ästhetische Differenzen oder Haltungen, sondern nahezu ausschließlich auf Kategorien der Vermittlung, der Education-Arbeit und des Marketings. Auf jene Begleiterscheinungen und Nebenwirkungen also, ohne die die Musik von Bach bis Britten heute selbst im subventionierten System nicht mehr zu haben ist. Künstlerische Exzellenz wird bestenfalls vorausgesetzt und ansonsten beschwiegen, mehr nicht, den Rest lenkt das schlechte Gewissen der (Hoch-)Kultur vor sich selbst. Und im Zweifelsfall geht es auch mit etwas weniger Exzellenz.

Alan Gilbert ist nicht an die Elbphilharmonie berufen worden, weil er ein so überwältigender Brahms- oder Mahler-Interpret wäre oder ein so fanatischer Verfechter der Wiener Frühklassik, sondern weil er im oben beschriebenen Sinne funktioniert. Er ist sympathisch und eloquent und weiß, was ankommt. Prompt kamen die NDR-Hierarchen auf Ebene 15 aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Was für ein breites Repertoire der gebürtige New Yorker habe (französisch, italienisch, russisch, deutsch!), welche stilistische Bandbreite, wie hoch sein Herz für die Neue Musik schlage und für die Alte auch, wie politisch er doch sei, nämlich "durch und durch", und wie glaubhaft sein Werdegang "Integration", "Pluralität" und "Offenheit" verkörpere.

Keine Missverständnisse, bitte: Das ist alles ehrenwert, und natürlich schließen sich gute Kunst und ein verständliches Dafür-Werben und Darüber-Reden nicht aus. Die Chance aber, die Hamburgs Elbphilharmonie in ihren ersten Jahren bietet, in der Musik wieder einen Wert an sich zu sehen und nicht nur die Gelegenheit, sich mit ihr ins rechte soziale Licht zu rücken, die Chance kommt so schnell nicht wieder. Die Tickets für die zweite Saison der Elbphilharmonie waren innerhalb von zwei Stunden ausverkauft. Das heißt: Die Menschen sind zu allem bereit. Die Musik wäre ihnen zumutbar, auch wenn sie keine Seelen tröstet, sondern anstrengt, nervt oder schlicht zu lange dauert. Ob Alan Gilbert für diesen Anspruch die richtige Wahl ist, ob er das nötige Zukunftsfeuer besitzt, bleibt abzuwarten. Wie sagt er selbst? "I welcome the challenge."

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