Deutscher Patriot, Kanzler der Einheit, europäischer Ehrenbürger und Visionär. Es sind viele Superlative, die an diesem Samstag beim Trauerakt für Helmut Kohl in Straßburg zu hören sein werden.

Tabubrecher, unversöhnlich über den Tod hinaus, das wird niemand sagen, das sieht das Protokoll nicht vor, nicht die Regeln der Höflichkeit und auch nicht der Geist des Christentums, auf das Kohl sich so gern berufen hat. Doch auch hier setzt Kohl noch im Tod seinen ganz eigenen Maßstab.

Ausgerechnet für den vielleicht deutschesten aller Regierungschefs wird es keinen Staatsakt in Deutschland geben. Angela Merkel wird in Straßburg die Rede halten, die Kohl in Deutschland verhindert hat, und vor aller Welt als seine Nachfolgerin auftreten. Seine Söhne sind nun wohl doch eingeladen, nicht aber die meisten derer, die Kohl den längsten Teil seines Lebens begleitet haben.

Er habe das so gewollt, heißt es, wobei nicht ganz einfach zu sagen ist, was Kohl selbst gewollt hat, seit er bei einem Sturz vor neun Jahren ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatte. Kann er das wirklich gewollt haben? Kann er gewollt haben, dass ausgerechnet seine Unversöhnlichkeit so drastisch in Erinnerung bleibt? Kann er gewollt haben, dass der Grund des Zerwürfnisses mit seiner Partei und vielen seiner Weggefährten, die Verfehlungen im Rahmen der Spendenaffäre, sein ungebrochenes Rechthabenwollen, einfach nicht verblassen? Kann er gewollt haben, dass er selbst sich durch die Verweigerung des Staatsaktes im Moment der größtmöglichen Überhöhung klein macht, während seine ungeliebte Nachfolgerin Merkel ungerührt über alle Misstöne hinwegsieht, sein politisches Erbe an sich nimmt und dadurch Größe gewinnt?

Bei der Totenmesse in der Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale am vergangenen Dienstag war mit Händen zu greifen, was beim offiziellen Akt in Straßburg keine Rolle spielen darf und doch alle in seiner Familie, der privaten wie der politischen, beschäftigt: Beklommenheit, wo eigentlich Trauer herrschen sollte. Enttäuschung. Und auch Wut.

Von den "vielen, deren Beziehung zu ihm schwierig geworden war", sprach Prälat Karl Jüsten in der Predigt, vom unterschiedlichen Bild, das jeder, bis in die Familie hinein, von ihm gehabt habe, "je nachdem, wie man zu ihm stand". "Möge Gott uns mit ihm versöhnen, wo wir zeitlebens nicht mehr Versöhnung gefunden haben", sagte Jüsten in ungewöhnlicher Offenheit.

Kohl hat die politische Klasse des Landes nicht für würdig befunden, ihm einen Staatsakt auszurichten. Das offizielle Deutschland hat er damit in ziemliche Verlegenheit gebracht. Der eigentliche Leidtragende dieser grotesken Verweigerung jedoch ist Kohl selbst. Denn der Kanzler der Einheit bringt sich damit noch im Tod um die ungeschminkte Würdigung, die er im Leben so vermisste. Dass sie ihm vorenthalten wurde oder ihm doch stets von Vorbehalten durchsetzt schien, hat das Verlangen nach rückhaltloser Anerkennung gesteigert und ihn zugleich verbittert.

Weil Kohl mit seiner Absage an einen Staatsakt die Konfrontation bis ins Grab hinein aufrechterhielt, ist die gute Tradition des nihil nisi bene – nichts Schlechtes über den Verstorbenen – so beschädigt wie kaum zuvor bei einem großen bundesdeutschen Toten. Noch bevor Kohl beigesetzt ist, ist das Gedenken an den bedeutenden Kanzler infiziert von den Vorbehalten, die ihn von jeher begleiteten. Selbst Fraktionschef Volker Kauder, auf dessen Initiative die hastig vorgezogene Ersatz-Trauerfeier in Berlin am Dienstag stattfand, sprach vom "Licht, aber auch Schatten", den es im Leben Kohls gegeben habe.

So obsessiv er die politische Elite für die gefühlte Missachtung strafen musste, so obsessiv ist sie nun ihrerseits damit beschäftigt, sich von Neuem einen Reim auf den Altkanzler zu machen. Das gipfelt in der merkwürdigen Ironie, dass der Mann, dem Verehrung als die eigentlich angemessene Form der Würdigung erschien, am Ende noch dafür gesorgt hat, dass sich selbst die posthume Würdigung seiner Person nur wieder als kritische Debatte vollzieht: Licht und Schatten eben.

Dabei hatten unter denen, von denen Kohl sich in der "bittersten Stunde seines Lebens", so Prälat Jüsten, abgewandt hatte, etliche in den vergangenen Jahren von sich aus die Versöhnung gesucht. Kohl, so heißt es in der CDU, habe die Briefe nicht einmal beantwortet.

Die bitterste Stunde, das waren in Wirklichkeit Wochen, in denen Kohl sich heftiger Kritik ausgesetzt sah, weil er sein Ehrenwort über das Gesetz stellte und den Namen der mutmaßlich illegalen Spender nicht verraten wollte, mit deren Hilfe die CDU dubiose schwarze Kassen gefüllt hatte. Wer nicht mit ihm gemeinsam darüber hinwegsehen wollte, war für Kohl fortan ein Verräter. Das galt auch für langjährige Weggefährten wie Norbert Blüm, die Kohl noch die Treue hielten, als seine Verfehlungen längst offenkundig geworden waren. Seinen Ansprüchen genügte das nicht. Denn die Zustimmung, nach der er verlangte, sollte ohne einen Anflug von Kritik auskommen.

Wie kein Zweiter hat Kohl seinen Körper als Machtmittel eingesetzt. Der Schriftsteller Elias Canetti hat diesen Politikertypus in seinem Buch Masse und Macht als "Meistesser" charakterisiert, eine Beschreibung, die später oft auf Kohl bezogen wurde: ein Politiker, der sich die Macht wie Nahrung einverleibt und seinen Anhängern kraft seiner Fülle Sättigung verspricht. Dabei musste Kohl seine Masse nicht mal einsetzen, er wirkte einfach qua Körpergröße und -umfang.

Wer ihn in den letzten Jahren besuchte oder ihn bei einem seiner nun seltenen öffentlichen Auftritte erlebte, konnte sehen, wie dieser Körper, dieses Instrument der Macht verfiel. Groß war er immer noch, aber er wirkte seltsam hohl, erstarrt in seiner Hülle. Und es gehört zu den vielen kleinen tragischen Pointen, die sich nun im Tod entfalten, dass ausgerechnet über diesen Staatsmachtkörper nun ein Streit entbrannt ist darüber, wem denn ein Kanzler gehört: sich selbst, dem Staat, seiner Familie?