DIE ZEIT: Herr Pinkwart, Sie sind Rheinländer, aber in den vergangenen sechs Jahren waren Sie Rektor der Leipziger Handelshochschule. Jetzt sollen Sie FDP-Wirtschaftsminister in Nordrhein-Westfalen werden. Gehen Sie mit Tränen?

Andreas Pinkwart: Jedenfalls mit großen Emotionen. Und in unermesslicher Dankbarkeit. Für mich war das eine ganz besondere Lebensphase: Als junger Mensch hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich einmal länger im Osten leben würde. Für mich ist das ein Lebensglück. Bis zu meinem 30. Geburtstag hat die Mauer mein Leben mitgeprägt.

ZEIT: Warum?

Pinkwart: Na, ich bin 1960 geboren. Ich war 29, als die Mauer fiel. Hätte man mir damals gesagt, was ich in Leipzig erleben würde, ich hätte es nicht geglaubt. Der Kalte Krieg ist meine große Kindheitserinnerung. Meine Eltern waren, aus Niederschlesien kommend, über die DDR in den Westen geflohen. In unserer Familie hat die Teilung des Landes immer wehgetan. Das machte es für mich besonders bewegend, in den neuen Ländern zu arbeiten.

ZEIT: Sie waren schon einmal Wissenschaftsminister in Nordrhein-Westfalen, von 2005 bis 2010. Dann kamen Sie 2011 nach Leipzig. Wie haben Sie die Stadt da erlebt?

Pinkwart: Ich kannte sie schon, weil ich als Student in den Achtzigern einmal kurz durch die DDR hatte reisen dürfen. Schon damals merkte man: Diese Stadt ist anders, lebendiger, offener, emotionaler als andere in Ostdeutschland. Das hat sich bestätigt, als ich 2010 wiederkam. Man läuft aus dem Bahnhof und sieht diese vielen jungen Menschen. Man spürt diese gute Stimmung. Das hat mich eingenommen. Ich bin Rheinländer. Ich finde, dass die Menschen in Leipzig einen ähnlichen Humor haben, man kann schnell Freundschaften oder Bekanntschaften schließen. Ich war sofort zu Hause.

ZEIT: Sie sind Wirtschaftswissenschaftler, jetzt sollen Sie Wirtschaftsminister werden. Was kann man vom Osten für Nordrhein-Westfalen lernen?

Pinkwart: Als Rektor habe ich ständig Gäste aus dem Westen in Leipzig gehabt, und ich habe kaum einen gehört, der nicht sagte: Großartig, wie sich diese Stadt entwickelt hat! Man kann vom Osten lernen, wie schnell sich Dinge entwickeln können, wenn nur alle wollen. Man kann vom Osten lernen, dass sich Ausdauer auszahlt. Dass man nicht verzagen sollte. Gerade in Leipzig sieht man das. Vielleicht lehrt das Beispiel von Leipzigs Aufschwung, dass sich Mut lohnt. Da gab es Menschen, die haben ein Stadion gebaut, lange bevor abzusehen war, dass darin mal ein Bundesligist spielen würde. Ohne das Stadion wäre Red Bull vielleicht nie nach Leipzig gekommen. Und die großen Werke von Porsche und BMW gäbe es nicht, wenn nicht die Menschen den Optimismus gehabt hätten, riesige Industriegebiete auszuweisen, als mit solchen Ansiedlungen noch niemand rechnen konnte. Erfolg ist, wenn Glück auf Vorbereitung trifft. Dieses Gefühl will ich mit zurück in den Westen nehmen.

ZEIT: Mut können Sie im Ruhrgebiet sicher gebrauchen, die Probleme sind ja riesig. Ist die Lage vergleichbar mit dem Osten nach 1990?

Pinkwart: Da wäre ich vorsichtig. Schauen Sie, der Osten war 1990 vor riesige Probleme gestellt. Fast alle Industriearbeitsplätze waren weggefallen. Und noch 2009 oder 2010 hatte Leipzig eine Arbeitslosenquote, die deutlich zweistellig war. Teilweise 15, 20 Prozent. Als ich nach Leipzig kam, hat man das Potenzial vielleicht erahnt, aber mit so einem Hype, der irgendwann entstanden ist, konnte kein Mensch rechnen. Ich kann nur wiederholen: Lernen können wir vom Osten, dass man sich nicht entmutigen lassen, seine eigene Stärke erkennen, Beharrlichkeit zeigen soll.

ZEIT: Das Ruhrgebiet hat auch eine gewaltige Deindustrialisierung erlebt.

Pinkwart: Der Strukturwandel im Ruhrgebiet dauert schon viel länger, als man immer denkt. Das Ende der Schwerindustrie hat vor vielen Jahrzehnten begonnen. In den sechziger Jahren wurden im Ruhrgebiet Universitäten gegründet, das war ein wichtiger Schritt. Wie man Industrie mit Bildung, Wissenschaft, Technologie verbindet, das lässt sich aber auch in Sachsen gut beobachten. Was Kurt Biedenkopf und Georg Milbradt ...

ZEIT: ... die Nachwende-Ministerpräsidenten Sachsens ...

Pinkwart: Ja, was die gemacht haben, war genial. Sie haben stark auf Exzellenz in der Forschung gesetzt, haben Max-Planck-, Helmholtz- und Fraunhofer-Institute angeworben, deren Ansiedlung erst mal kostet, aber sich langfristig extrem auszahlt. Die haben den Strukturwandel nicht verzögert, sondern sind ihn schnell und entschieden angegangen. Das hat Sachsen toll hingekriegt.

ZEIT: Verstehen Sie, dass manche Kommune in Nordrhein-Westfalen neidisch ist auf eine Stadt wie Leipzig? Der Osten ist top saniert, der Westen darbt vielerorts.

Pinkwart: Gerade für Nordrhein-Westfalen gilt, dass dort Neid nicht zu Hause ist, sondern gelebte Solidarität. Die Menschen wissen schon, welcher Kraftakt im Osten nötig war. Die Kommunen haben zum Teil hohe Defizite gemacht und trotzdem ihren Solidarbeitrag über all die Jahre recht klaglos geleistet. Sie sind andererseits froh, dass der Länderfinanzausgleich jetzt neu verhandelt ist – und dann die Förderung neu aufgestellt wird.

ZEIT: Nach 2020 soll in Deutschland mehr nach Bedarf umverteilt werden, auch ärmere Regionen im Westen erhalten dann mehr Geld.

Pinkwart: Und das ist doch auch richtig, nicht? Dass man sagt: Nach 30 Jahren wollen wir auch andere Regionen unterstützen, die besonderen Entwicklungsbedarf haben. Ich glaube, der Osten ist auch froh über diese Normalität.

ZEIT: Und Essen oder Dortmund werden bald auch schön?

Pinkwart: Ach, es stört mich, wenn das so gesagt wird. Diese Städte haben eine Menge zu bieten. Auch in Leipzig gibt es noch Stadtteile, in denen viel zu tun ist. Ich würde das ungern gegeneinander ausspielen. Lassen Sie uns doch eher froh sein, wie wahnsinnig gut sich der Osten entwickelt hat. Auch wenn hier immer noch eine Menge zu tun bleibt.

ZEIT: Was zum Beispiel?

Pinkwart: Das Pro-Kopf-Einkommen in Sachsen ist von dem in NRW noch um einiges entfernt. Das wird auch nach 2020 noch viele Jahre lang so sein. Was es in den neuen Ländern nicht gibt, ist, nennen wir es: altes Geld. Man braucht noch eine Generation, bis sich ein gewisses Vermögen angehäuft hat. Die Infrastruktur, die Bildung sind toll, anderes wird folgen. Der Aufbau Ost ist aus meiner Sicht insgesamt eine Erfolgsstory, die sich andere Länder wünschen würden. Mich ermutigt das.

ZEIT: Klingt, als nähmen Sie viel Optimismus mit aus dem Osten.

Pinkwart: Absolut. Im Osten gibt es nicht nur Bedenkenträgerei, sondern Begeisterungsfähigkeit. Ich hoffe, dass dies erhalten bleibt. Und ich fühle mich Leipzig und der HHL weiter verbunden. Leipzig ist für mich keine große Distanz mehr. Ich bin die Strecke jetzt gewohnt und komme gern wieder.