Es ist ein Moment, der an Raumschiff Enterprise erinnert, an die TV-Kultserie aus den Sechzigern: Eröffnung des Confederations Cup in St. Petersburg – die Teams von Russland und Neuseeland stehen in Reih und Glied auf dem Feld, sie warten wie die Zuschauer auf die Hymnen, doch plötzlich herrscht eine irritierende Stille. Dann ist es so weit, Wladimir Putin erscheint – auf einer Leinwand, als wäre er der Föderationsrat der Sternenflotte. Minutenlang spricht der Präsident von Fair Play, Versöhnung, einem "offenen Russland". Eine solche Szene hat die Sportwelt nicht mehr gesehen, seitdem das Kolosseum in Rom aus der Mode gekommen ist. Putin hat die Fußballwelt eingeladen, nun lässt er sie antreten. Zehntausende Russen jubeln, als sie ihren Präsidenten erblicken. Ob er wirklich anwesend ist oder nur auf dem Bildschirm, spielt keine Rolle. Der Hausherr dieses Turniers ist irgendwie immer da. Putin grüßt von T-Shirts, Tassen, Plakaten, zwischendurch auch lebensecht von der Krim.

Die Putin-Party ist in vollem Gange. Nach dem Eröffnungsspiel, das Russland 2 : 0 gewinnt, gehen wieder Bilder Putins um die Welt, diesmal zeigen sie ihn als jubelnden Fan. Die Menschen im Stadion von St. Petersburg wedeln mit kleinen Fahnen und begleiten jede Szene begeistert, bis zur letzten Sekunde schreien sie nach einem weiteren Tor. "Rossija, Rossija", schallt es später in den Straßen.

In Moskau, in einem Hipsterviertel wie Tverskoy, leben Leute, die wieder und wieder gegen Putin demonstriert haben, zuletzt ein paar Tage vor Beginn des Confed Cups. In Moskau ist der Oppositionelle Alexej Nawalny verhaftet worden. Putin hat für die Dauer des Turniers die Versammlungsrechte eingeschränkt. Doch in der Otkrytije Arena, der neuen Heimstätte Spartak Moskaus, geht es heiter zu. Da kann der 25 Meter große Spartakus am Eingang noch so streng auf die Besucher schauen. Die russischen Fans sind neugierig auf Chile und Kamerun. Die Fans aus Südamerika fühlen sich wohl, Tausende Chilenen sind nach Russland gereist. Tagsüber haben sie sich unter die Touristen am Roten Platz gemischt und sich vor dem Lenin-Mausoleum warm gesungen.

Durch ihr offensives Spiel erobert sich die chilenische Mannschaft die Sympathien der Russen. "Chilli dawai, dawai!" 2 : 0 gewinnen die Südamerikaner, trotz oder dank irritierender Entscheidungen des neuen Videoschiedsrichters. Nach dem Spiel treffen je etwa fünf bis acht Chilenen und Russen unter der Tribüne aufeinander. Sie bleiben stehen, schauen sich an. Handshake, Daumen hoch, Ghettofaust, "Picture please". Es ist nur ein Moment, aber die Andeutung, dass Putins Versprechen wahr werden könnte und auch die WM ein Fest der kleinen schönen Begegnungen sein wird.

Zweieinhalb Flugstunden südlich von Moskau liegt eine Stadt, die Putin große Bekanntheit zu verdanken hat. In Sotschi, dem Badeort am Schwarzen Meer, fanden 2014 die Olympischen Winterspiele statt.

Wie bizarr dieses Gastspiel war, ist im Olympiapark noch heute zu sehen. Er befindet sich in Adler, eine knappe Autostunde südlich von Sotschi. Er besteht aus dem Stadion und vier weiteren gigantischen Sporthallen, zudem einer Formel-1-Rennstrecke. In der Nachbarschaft ist ein Vergnügungspark entstanden, dessen Riesenrad jetzt still steht. Ein Ort der Prahlsucht, der Korruption und Misswirtschaft. 400 Millionen Franken im Jahr soll der Unterhalt der Sportstätten jährlich kosten, hat eine Studie der Universität Zürich ausgerechnet.

Kurz vor dem Anpfiff des Spiels Deutschland gegen Australien ist von der großen Begeisterung nicht viel geblieben. Das Stadion ist zu einem Drittel gefüllt. Als die Aufstellungen der beiden Teams verlesen werden, ist es so ruhig wie bei einem Monolog im Theater. Zu Beginn des Spiels hört man die Kommandos auf dem Platz noch in der obersten Reihe. Spätestens hier zeigt sich, dass der Confed Cup ein Turnier ist, das sich überlebt hat. Deshalb tritt die deutsche Nationalmannschaft in Russland auch mit einer B-Besetzung an.