Ganz am Schluss, als er schon gewonnen hat, als seine CDU bei nur einer einzigen Enthaltung der Koalition mit FDP und Grünen zugestimmt hat, als ihn seine Partei mit minutenlangem Applaus gefeiert hat, da tritt Daniel Günther, der kommende Ministerpräsident, noch einmal ans Rednerpult in Neumünster, lacht sein breites Jungslachen – und dankt. Erst dankt er den Tontechnikern im Saal. Und dann den Sanitätern vom Deutschen Roten Kreuz.

Auf eine Weise, die er sich fast von Justin Trudeau abgeschaut haben könnte, dem kanadischen Ministerpräsidenten, macht Daniel Günther im Moment eigentlich alles richtig. Immer lächeln, alle mitnehmen, keinen vergessen. Am vergangenen Mittwoch, nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe, sollte er zum neuen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein gewählt werden.

Daniel Günther sei "ein Griff in den Glückstopf", sagt sein größter Fan, Peter Harry Carstensen, der letzte CDU-Ministerpräsident. Tatsächlich wurde Günther erst vor einem halben Jahr Spitzenkandidat der Union, weil sein Vorgänger entnervt hingeschmissen hatte. Günther legte eine fulminante Kampagne hin, gewann die Wahl gegen den SPD-Regierungschef Torsten Albig und moderierte ein eigentlich unmögliches Bündnis aus Liberalen, Grünen und der CDU zusammen, mit Alphamännern wie Wolfgang Kubicki und Robert Habeck. "Ich bin überzeugt, dass er in zwei Jahren der Shootingstar der CDU bundesweit sein wird", sagt Kubicki. Das ist ein ganz schön großes Wort.

Wächst da also in Kiel ein politisches Großtalent heran?

Ein Wunderkind, 43 Jahre jung, optisch noch in den 30ern, immerfort lächelnd? Wenn man SPD-Landeschef Ralf Stegner fragt, seinen vielleicht schärfsten politischen Gegner, sagt der: "Günther macht, was nützlich ist." Fast schon ein Kompliment, jedenfalls aus dem Munde von Stegner.

Gewispert wird auch anderes. Günther habe während seines rasanten Aufstiegs "viele Verletzte zurückgelassen", sagt ein früherer CDU-Landeschef, der seinen Namen freilich nicht nennen möchte. Und als Günther im vergangenen November zum neuen Parteivorsitzenden gewählt wurde, bekam er nur 81 Prozent der Stimmen. Wenig für einen designierten Überflieger, wenig für eine Partei kurz vor einer Landtagswahl, nicht schlecht aber für die Nord-CDU, die seit Jahrzehnten von brutalen internen Kämpfen geprägt ist.

Tatsächlich ist Günter wohl vor allem eines: geschmeidig. Im Wahlkampf warf er kurzerhand das achtjährige Gymnasium über Bord, obwohl das seine CDU einst eingeführt hatte. Er trat vor seine Partei und verkündete: Wir sind ab jetzt für die Wiedereinführung von G9. Eine interne Umfrage hatte ihm die Sicherheit gebracht, dass die Wähler es so wollen. Die überrumpelte Partei folgte ihm klaglos. Es war der erste Schritt zum Sieg – und ein Zeichen, dass Günther sich was traut.

Nicht zuletzt, die eigene Position zu revidieren. Bei der Ehe für alle zum Beispiel. Lange Zeit, sagt Günther, sei er ein "totaler Hardliner" gegen die Gleichstellung von Homosexuellen gewesen. Er erinnert sich an den Schleswig-Holstein-Tag der Jungen Union 1996, damals habe er als einer der Lautesten gegen die Öffnung gekämpft. "Ich glaube, das war meine katholische Prägung", sagt er heute. Dann lernte er immer mehr Homosexuelle kennen, auch in seiner Partei. Eines Tages erzählte ihm ein CDU-Bürgermeister, sein Sohn habe einen Kieler Operntenor geheiratet. "Da habe ich mich gefragt: Was tun wir eigentlich diesen Leuten an?"