Sie bringt es nicht über sich: Feste Implantate hat sie sich nicht leisten können, nun hat sie diese Zahnprothese, aber kann das blöde Ding nicht einsetzen. Sie fühlt sich sonst, als halte ihr jemand den Mund zu. Es ist, als erinnere sich ihr Körper an etwas, woran sich ihr Kopf nicht mehr erinnert oder erinnern will. Nicht anders ergeht es ihr, wenn sie in einen Fahrstuhl einsteigen muss, wenn sie einem Polizisten begegnet, wenn sie Tabletten schlucken soll oder wenn Türen laut ins Schloss krachen.

Vergangenes ist nicht für alle vergangen. Für manche bleibt die Geschichte schmerzhaft präsent. So wie für Bettina K., die auch Jahrzehnte später ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Aufgewachsen ist sie in der DDR, und wie viele andere wurde sie ein Opfer von Unrecht und Überwachung. Doch ihre Geschichte – und mit ihr die Tausender anderer Frauen – kannte bis vor Kurzem kaum jemand. Noch nie hat Bettina K. einem Fremden von ihrem Schicksal erzählt. Bis jetzt wusste kein Außenstehender von ihrer Zeit in der "Tripperburg".

"Tripperburgen" nannte der DDR-Volksmund die venerologischen Stationen, geschlossene Abteilungen zur Behandlung von Geschlechtskrankheiten. Die meisten DDR-Bürger dachten, dass hier Prostituierte kuriert wurden. Doch das war kaum der Fall. Tatsächlich konnte so ziemlich jede junge Frau in die Lage kommen, dorthin zwangseingewiesen zu werden.

Manche Mädchen wurden von Nachbarn, Bekannten oder Fürsorgestellen bei der Polizei angezeigt, weil sie innerhalb kurzer Zeit mehr als einen Freund zu Besuch hatten. Wer so oft den Geschlechtspartner wechselte, musste ja Krankheiten verbreiten! Manche Frauen wurden auf die venerologische Station gebracht, weil sie per Anhalter durch Ostdeutschland reisten oder sich auffällig oft an Bahnhöfen aufhielten. Offiziell hieß der Grund: "Herumtreiberei". Dahinter steckte der Vorwurf der heimlichen Prostitution.

Heimlich, weil die Prostitution in der DDR von 1968 an durch Paragraf 249 des Strafgesetzbuches verboten war. "Die SED hatte bereits in den Fünfzigern verkündet, dass es Prostitution im sozialistischen Staat nicht gebe", sagt die Historikerin Steffi Brüning, Doktorandin an der Uni Rostock. "Das entsprach der Ideologie, aber nicht den Tatsachen." Daran änderte sich auch nach dem Verbot von 1968 nichts. Viele Prostituierte gingen nun tagsüber einer geregelten Arbeit nach, ihre Freier fanden sie abends in Bars und nahmen sie mit nach Hause.

"Der Abgleich von Patienten- und Stasiakten mit den Aussagen von Zeitzeuginnen zeigt, dass unter den Zwangseingewiesenen durchaus auch Prostituierte waren", sagt Brüning. Besonders zu Großveranstaltungen wie der Ostseewoche in Rostock oder der Leipziger Messe seien sie von der Volkspolizei in die geschlossenen Anstalten gebracht worden. Insgesamt aber waren sie dort eine Minderheit. Unter den Betroffenen, vermutet Brüning, seien sehr viel häufiger Frauen gewesen, die zeitweise keine Arbeit hatten, unentschuldigt am Arbeitsplatz fehlten, einen geringen Schulabschluss hatten oder obdachlos waren.

Wie viele Frauen zwischen 1961 und 1989 in "Tripperburgen" eingeschlossen waren, lässt sich nur schätzen. 2763 waren es allein 1968, sagt Florian Steger, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Universität Ulm, der das Thema als Erster wissenschaftlich bearbeitet hat. Zuletzt erschien seine zusammen mit seinem Assistenten Maximilian Schochow verfasste Studie Traumatisierung durch politisierte Medizin – Geschlossene Venerologische Stationen in der DDR .

Eindringlich zeigen die Autoren, dass die venerologischen Einrichtungen keine Orte der Genesung, sondern der Disziplinierung waren. Auf manchen Stationen wurden die Frauen zwangstätowiert, kahl geschoren oder in Käfige gesperrt. Die Eingewiesenen sollten dadurch zu "sozialistischen Persönlichkeiten" erzogen werden. Vier bis sechs Wochen dauerte der Zwangsaufenthalt im Schnitt.