Frage: Frau Andresen, überrascht es Sie, dass es in Kinderkurheimen in der jungen Bundesrepublik anscheinend regelmäßig zu Übergriffen auf Kinder kam?

Sabine Andresen: Es überrascht mich nicht wirklich. Auch wenn die Kinderkurheime in der Aufarbeitung der strukturellen und systematischen Gewalt gegen Kinder in den Fünfziger- und Sechzigerjahren bislang noch ein unbehandeltes Gebiet sind.

Frage: Gibt es noch viele dieser blinden Flecke?

Andresen: O ja. Was Gewalt in Kinderheimen angeht, gibt es mittlerweile einige gesicherte Erkenntnisse. Auch bei der Untersuchung von Gewalt an jungen Psychiatriepatienten gibt es Fortschritte. Gleichwohl stehen wir in vielen Punkten noch am Anfang. Dies zeigen zum Beispiel die bislang vorliegenden Studien zu Medikamenten-Experimenten. Nach allem, was bislang bekannt ist, wurden Kindern und Jugendlichen Medikamente verabreicht, ohne medizinische Indikation und ohne deren Wissen und Einverständnis. Hier braucht es dringend den Willen zur Aufarbeitung.

Frage: Und warum überrascht es Sie nicht, dass in Kinderkurheimen offensichtlich regelmäßig Kinder misshandelt wurden?

Andresen: Die Schicksale der Betroffenen fügen sich in eine größere Gewalterzählung. Gewalt war in der jungen Bundesrepublik und auch in der DDR im Umgang mit Kindern über Jahrzehnte ein legitimes Erziehungsmittel. Das galt in Kinderheimen und -kurheimen genauso wie in vielen deutschen Familien. Das Recht der Eltern, Kinder zu schlagen, galt als selbstverständlich. Natürlich schließt das nicht aus, dass Eltern auf Gewalt in der Erziehung verzichtet haben. Doch gesamtgesellschaftlich ist das Recht des Kindes auf eine gewaltfreie Erziehung erst im Jahr 2000 geschaffen worden.

Sabine Andresen, Jahrgang 1966, ist Sozialpädagogin mit dem Schwerpunkt Kindheits- und Jugendforschung und lehrt als Professorin an der Universität Frankfurt/Main. Sie ist zudem die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die im Juni ihren ersten Zwischenbericht veröffentlichte. Demnach haben sich seit Mai 2016 etwa 1.000 Betroffene und Zeugen für eine vertrauliche Anhörung gemeldet. Die bittere Erkenntnis: Viele Kinder haben oft keine oder erst spät Hilfe erfahren, obwohl Familienangehörige zum Teil jahrelang von den Misshandlungen wussten. © Barbara Dietl

Frage: Die Gewalt in Kinderheimen überstieg das damals gesellschaftlich tolerierte Maß aber bei Weitem. Das hat der Missbrauchsskandal im Jahr 2010 deutlich gemacht.

Andresen: Im sogenannten Missbrauchsskandal 2010 stand hauptsächlich die sexuelle Gewalt im Fokus. Davor gab es bereits eine Aufarbeitung der Gewalt in den Heimen der 1950er- und 1960er-Jahre. Kinder in Kinderheimen waren vielfältigen Formen der Erniedrigung und Entwürdigung ausgesetzt. Diese Gewaltstrukturen wurden bereits vor 2010 erforscht und diskutiert. Doch eines muss man festhalten, und das ist bitter: Die breite Öffentlichkeit interessierte sich nicht dafür.

Frage: Das erklärt aber nicht, warum es in Kinderheimen überdurchschnittlich oft zu Gewaltexzessen kam.

Andresen: Kinder und Jugendliche haben oft die Einrichtung als rechtsfreien Raum erlebt. Ihnen wurden keine Rechte gewährt. Sie waren gleich mehrfach benachteiligt. In der Gesellschaft wurden Kinder und Jugendliche in Heimen stigmatisiert. Man machte sie mit dafür verantwortlich, dass sie nicht in einer "normalen" Familie aufwuchsen. Das hat auch dazu geführt, dass sich die Verantwortlichen keine Mühe für die Förderung und Bildung dieser Kinder geben mussten. Die Kinder und Jugendlichen in der Heimerziehung waren rechtlos. Wenn sie aus zerrütteten Familien stammten, hatten sie auch oft niemanden, der ihnen helfen konnte. Man hat ihre Schutzbedürftigkeit ignoriert und ihr Recht auf Bildung missachtet.

Frage: Wie konnte die Heimerziehung zum rechtsfreien Raum werden?

Andresen: So richtig hat sich niemand für den Alltag in den Einrichtungen interessiert. Damit gab es auch zu wenig Kontrolle und Fachaufsicht. Man war noch sehr weit davon entfernt, dass Kinder sich an eine unabhängige Stelle wenden konnten, wenn sie misshandelt wurden. Das Personal war oft unzureichend qualifiziert und hatte im geschlossenen Binnenraum nahezu uneingeschränkte Machtbefugnisse im Umgang mit Kindern. Überforderung mit Kindern, die besondere Bedürfnisse haben, kann schnell zu Willkür und Grenzverletzungen führen. Die Spirale der Gewalt in den Kinderheimen ist ohne Überforderung nicht zu verstehen. Es handelt sich aber nicht allein um individuelles Versagen, sondern um ein strukturelles.

Frage: Ist es eigentlich Zufall, dass Kinderheime oft in der Abgeschiedenheit der Provinz zu finden sind? Das Kinderkurheim aus unserer Geschichte befindet sich etwa auf Sylt …

Andresen: Wenn Kinder in die Kur geschickt wurden, liegt es nahe, dass diese Heime am Meer oder in den Bergen lagen. Viele Kinder waren zum ersten Mal weit weg von zu Hause, haben es vielleicht auch nicht verstanden, warum man sie "verschickt" hat. Heute wissen wir auch durch die Bindungsforschung, dass dies zu großer Verunsicherung führen kann. Dann muss mit Kindern besonders sensibel umgegangen werden. Doch genau das fand nicht statt.