DIE ZEIT: Herr Beuth, Herr Blechschmidt, Sie sind Anmelder und Versammlungsleiter der Demonstration Welcome to Hell am 6. Juli. Die Kundgebung gilt als der gefährlichste der G20-Proteste. Zu Recht?

Andreas Blechschmidt: Die Polizei setzt ein öffentliches Bild in die Welt, dem zufolge am 6. Juli ein Haufen Krawalltypen die Stadt in Schutt und Asche legen will, und rechtfertigt damit ihr versammlungsfeindliches Verhalten. Das kennen wir schon aus den Diskussionen um autonome Demos der Vergangenheit.

ZEIT: Mit Ihrem Demo-Motto Welcome to Hell deeskalieren Sie aber auch nicht gerade.

Blechschmidt: Es ist ja klar, dass wir nicht die katholische Pfadfinderjugend versammeln. Es geht uns um eine kämpferische Demo. Aber das Motto ist doppeldeutig. Es sagt auch: Die Politik der G20 sorgt für höllische Verhältnisse. Tausende Ertrinkende im Mittelmeer, Hungerkatastrophen und Kriege – G20 ist nicht die Institution, die diese tödlichen Verhältnisse verhindert, sondern sie hat sie zu verantworten.

ZEIT: Sie selbst rechnen mit 10 000 Teilnehmern aus dem In- und Ausland. Wie viele Militante laufen mit?

Andreas Beuth: Wir rechnen mit einem Schwarzen Block mit etwa 5.000 Teilnehmern. Aber insgesamt soll die Demo einen bunten Eindruck machen, es laufen auch Leute von "Recht auf Stadt", von Kurden-Organisationen oder von der Interventionistischen Linken mit. Wir wollen gemeinsam losgehen, möglichst nah an die Messehallen ran, und gemeinsam ankommen. Geplant ist nicht, dass wir nach 50 Metern eine Straßenschlacht mit der Polizei anzetteln.

ZEIT: Im Demo-Aufruf heißt es: "Wir werden selbst bestimmen, welche Aktionsformen für uns politisch angemessen und vermittelbar sind." Was ist Ihrer Ansicht nach angemessen?

Beuth: Wenn Polizeiautos oder Nobelkarossen angezündet werden, finden das viele aus der Szene gut. Was nicht heißt, dass sie das machen werden. Aber jährlich ertrinken Tausende von Menschen im Mittelmeer. Das sind Gewaltverhältnisse – nicht wenn es irgendwo mal zu einem Sachschaden kommt.

ZEIT: Das heißt: Immer wenn ich eine Scheibe einwerfe oder ein Auto anzünde, kann ich das damit rechtfertigen, dass im Mittelmeer Menschen ertrinken?

Blechschmidt: Das finde ich verkürzt. Militanz ist eine bewusste Regelübertretung. Auch die 68er-Bewegung oder die Anti-AKW-Bewegung haben diese Grenzen überschritten. Die militanten Hausbesetzer der Achtziger werden inzwischen in der ZEIT dafür gelobt, dass sie den Kahlschlag der Städte verhindert haben. So ist es auch heute. Da gibt es keinen Grund zur Aufregung.

ZEIT: Bekommen die Anschläge auf Bahnanlagen, die letzte Woche Tausenden von Reisenden stundenlange Verspätungen bescherten, in Ihrer Szene auch Applaus?

Blechschmidt: Ja. Und es ist natürlich klar, dass sich die deutsche Bürgerseele darüber aufregt, dass unbeteiligte Pendler zu spät zur Arbeit kommen. Diese empfindsamen Seelen empören sich nicht darüber, dass zum Beispiel in Syrien seit zehn Jahren Unbeteiligte im maßgeblich von den USA, Putin und Erdoğan eskalierten Bürgerkrieg sterben. Vielleicht regen diese Anschläge zur Nachdenklichkeit an.

Beuth: Stundenlange Verspätungen lösen einerseits Hass auf die Linken aus, andererseits aber auch zunehmendes Unverständnis über den G20-Gipfel im Hamburger Schanzenviertel, weil allen klar war, dass es dann zu Blockaden, Demonstrationen, aber auch militanten Aktionen kommen wird.

ZEIT: Ein Plakat, auf dem Hamburg in Flammen steht, ein Mobilisierungsvideo, in dem Vermummte rumböllern und vom "Hass auf die Cops" rappen – man soll sich doch aber auch vor dem Schwarzen Block fürchten, oder nicht?

Blechschmidt: Natürlich ist das auch ein bisschen Mackerfolklore. Ich bin jetzt 51 Jahre alt, ich weiß nicht genau, ob ich noch mit Hasskappe vor einer Ghettokulisse posieren würde. Aber es ist ein legitimer, wütender Ausdruck von Widerspruch zu den Verhältnissen.

ZEIT: Gibt es in Ihrem Bündnis eine Diskussion über Sinn, Zweck und Grenzen von Militanz?

Blechschmidt: Ja, zum Glück! Die Militanzdiskussion begleitet autonome Politik seit 40 Jahren. Es ist klar, dass nicht jede militante Aktion in Ordnung ist.

ZEIT: Wo ist die Grenze?

Beuth: Die Grenze ist da, wo es an die physische Integrität von Menschen geht.

ZEIT: Und was ist mit der physischen Integrität von Polizisten?

Blechschmidt: Auch die muss gewahrt bleiben, das ist in der autonomen Szene Konsens. Ein Beispiel: Vor zehn Jahren wurde bei der Anti-G8-Demo in Rostock ein Streifenwagen mit Verkehrspolizisten angegriffen. Da sind Leute aus dem Schwarzen Block dazwischengegangen. Wenn allerdings gut geschützte Polizeibeamte Demonstranten angreifen, dann verteidigen sich einige.

G20-Gipfel in Hamburg

Während des Gipfels werden zwei Sicherheitszonen eingerichtet – rund um den Tagungsort in der Messe und um die Elbphilharmonie (Hafen-City).

ZEIT: Aha, in so einem Fall sind Steine auf Polizisten dann Selbstverteidigung?

Blechschmidt: Ja. Das sind allerdings keine Situationen, die ich mir herbeisehne.

ZEIT: Sie könnten sie vermeiden, indem Sie die Teilnehmer Ihrer Demonstration im Vorfeld aufrufen, friedlich zu bleiben.

Blechschmidt: Sie tun so, als seien in der Vergangenheit bei autonomen Demos massenhaft Steine geflogen und Polizisten verletzt worden. Das ist nicht die Realität. Sich im Vorfeld von Gewalt zu distanzieren bedeutet für uns, in die ideologische Falle der Gegenseite zu laufen.

Beuth: Auf unseren Veranstaltungen sagen wir aber schon: Reagiert nicht auf jede polizeiliche Provokation, seht zu, dass wir geschlossen und gemeinsam losgehen und ankommen. Das ist eben unsere Sprache. Übersetzt heißt das: Leute, bleibt am Anfang mal ruhig, besonnen und diszipliniert.