Es ist ein großes Experiment: Die Welt in all ihren Facetten ist zu Gast in einer Stadt, die sich so gern als Weltstadt sieht. Was passiert dann?

Wenn sich kommende Woche, am 7. und 8. Juli, in Hamburg die Staats- und Regierungschefs der G20 treffen, der mächtigsten Industrie- und Schwellenländer, bedeutet das Tausende Gipfelteilnehmer, Journalisten und Aktivisten in der Stadt. Es bedeutet aber auch mehrere Zehntausend Gegner, unter ihnen bis zu 8.000 Militante. Es bedeutet eine gewaltige Zumutung und eine gewaltige Versuchsanordnung. Ein vorläufiges Ergebnis gibt es jetzt schon: Wenn die Welt zu aufdringlich wird, zieht sich die Weltstadt zurück.

In den Tagen vor dem Gipfel herrscht in Hamburg eine kleinmütige Stimmung: Schulen, selbst weit vom Tagungsort entfernt, lockern die Schulpflicht. Unternehmen wie Gruner + Jahr gewähren Mitarbeitern Sonderurlaub. Das Hamburger Abendblatt will gehört haben, Bankangestellte sollen in Freizeitkleidung zur Arbeit erscheinen, um Kapitalismusgegner nicht zu provozieren. Seit Wochen zitiert die Lokalzeitung eine nicht repräsentative Umfrage, wonach jeder Dritte plant, Hamburg während des Gipfels zu verlassen. Und ganz im Ernst wird immer wieder vorgeschlagen, den Gipfel lieber auf Helgoland auszurichten, wenn nicht gleich auf einem Flugzeugträger auf hoher See.

Die Bundesregierung kann Vorbild sein im Umgang mit Bürgerrechten und Kritikern

Mal abgesehen davon, dass so etwas aufgrund der Größe der Delegationen nicht möglich und aufgrund der damit ausgeschlossenen Anwesenheit von Vertretern der Presse und der Zivilgesellschaft obendrein undemokratisch wäre: Könnte es nicht auch Ausgang des Experiments mit Welt und Weltstadt sein, den Gipfel in Hamburg einmal umgekehrt zu betrachten – also positiv, als Chance? Oder ihn wenigstens rational zu sehen, als Notwendigkeit? Denn dass sich die Runde der G20 in Deutschland trifft, ist nur logisch. Dass sie sich in Hamburg trifft, ist plausibel.

Die Tagung der G20 findet stets in dem Land statt, das den Vorsitz innehat. Das ist momentan Deutschland. Zum Glück. Nicht weil es so schön ist, Putin, Trump und Erdoğan gleichzeitig zu begrüßen, sondern weil man sich nur einmal ausmalen muss, in der aktuellen Weltlage wäre einer von ihnen Gastgeber der mächtigsten Industrie- und Schwellenländer. Welches Bild ginge von Tagungsorten in die Welt, in denen schon viel Mut erforderlich ist, um für die Rechte Homosexueller einzustehen? Vor welcher Machtkulisse könnten sich Despoten mithilfe der G20 inszenieren?

Dagegen ist Deutschland ein Gastgeber, der seine Fähigkeit zu Führung und Moderation nicht mehr verstecken muss. Die Bundesregierung kann selbstbewusst Impulse setzen, etwa beim Klimaschutz. Und sie kann Vorbild sein im Umgang mit Bürgerrechten und Kritikern.

Aber muss der Respekt vor der Versammlungsfreiheit ausgerechnet im Zentrum einer Großstadt demonstriert werden? Die Frage ist ob der zu erwartenden Einschränkungen verständlich, sie offenbart aber ein problematisches Verhältnis zu politischer Teilhabe. Als wäre jeder, der das G20-Treffen in der derzeitigen Form ablehnt, ein potenzieller Randalierer. Und als wäre etwa eine Insel, auf der Politiker gar nicht erst von Andersdenkenden behelligt würden, der bessere Resonanzraum für bürgerschaftliches Engagement. Das Gegenteil ist der Fall: Deutschland hat kaum einen geeigneteren Austragungsort für den G20-Gipfel als Hamburg.

Man könnte die Hamburger daran erinnern, dass keine andere deutsche Stadt ihren Wohlstand so sehr der internationalen Vernetzung verdankt wie die ihre. Und dass es nicht recht passt, sich einerseits "Tor zur Welt" zu nennen und andererseits das Tor zu schließen, wenn die Welt zu Gast sein will. Ein durch Handel reich gewordener Hafenstandort kann sich schwerlich drücken, wenn in großem Rahmen Fragen des Welthandels verhandelt werden müssen.

Damit gehen Belastungen einher, gewiss. Im besten Fall beschert der Gipfel Hamburg nur Stau. Im schlechtesten kommt es zu Ausschreitungen, haben sich Leibwächter und/oder Linksextreme nicht im Griff. Ein brennender Autoreifen ist keine Bagatelle, und verletzte Demonstranten und Polizisten sind es erst recht nicht. Ob es so weit kommt, kann keiner wissen.

Aber gerade weil es keiner weiß, gerade weil die Wut auf den internationalen Kapitalismus groß und die Welt in Aufruhr ist: Gerade deshalb ist Deutschland derzeit das richtige Land für diesen Gipfel. Und Hamburg die richtige Stadt.

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