Schon wieder ein Wissenschaftsskandal um Glyphosat? Wieder Manipulationen? Wieder Befangenheit? Der jüngste Vorwurf im endlosen Streit über die Risiken des Unkrautvernichtungsmittels trifft einen amerikanischen Epidemiologen.

Rückblende: Ende 2015 stufte die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation, die International Agency for Research on Cancer (IARC), das weltweit am häufigsten eingesetzte Herbizid als "wahrscheinlich krebs-erzeugend beim Menschen" ein. Bei dieser Entscheidung soll ausgerechnet der Vorsitzende der zuständigen Arbeitsgruppe, Aaron Blair, seine Kollegen über wichtige Forschungsergebnisse "im Dunkeln gelassen" haben, enthüllte Mitte Juni die britische Nachrichtenagentur Reuters.

Zahlreiche Medien griffen den Scoop auf. Kein Wunder: Schließlich stellt er ein Verdikt infrage, mit dem sich die 17 Experten des IARC gegen die Befunde anderer Gremien positionieren. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA und jüngst auch die EU-Chemikalienagentur ECHA: Sie alle haben Glyphosat vom Krebsverdacht freigesprochen.

Die Monografie der IARC löste nicht nur eine hitzige Debatte über wissenschaftliche Methoden und Quellen aus. Sie wirkt auch politisch: Eine europäische Bürgerinitiative will das verhasste Totalherbizid ganz von den Äckern verbannen lassen. Regierungen erließen strengere Auflagen für die Anwendung, einige sogar schon Verbote. In den USA klagen Krebsopfer gegen Monsanto, den Entwickler des glyphosathaltigen Vorreiter-Produktes Roundup Ready.

Und das alles auf der Grundlage überholter Daten? Reuters wird konkret: Die IARC habe neue Ergebnisse der Agricultural Health Study ignoriert. In dieser großen Langzeituntersuchung ermitteln amerikanische Wissenschaftler seit den neunziger Jahren, wie sich der Einsatz von Pestiziden bei Farmern, Landarbeitern und ihren Familien in Iowa und North Carolina auswirkt. Schon eine erste Auswertung fand 2005 keinen "allgemeinen" Zusammenhang zwischen Glyphosat und dem Non-Hodgkin-Lymphom, dessen Entstehung mit dem Wirkstoff in Verbindung gebracht wird. Acht Jahre später hatten die Forscher noch mehr Daten von nunmehr rund 89.000 Personen erfasst – und die Entwarnung bestätigte sich. Davon teilte der Vorsitzende des Glyphosat-Gremiums seinen IARC-Kollegen aber nichts mit. Dabei ist IARC-Mitglied Aaron Blair sogar selbst an der Fortschreibung der Agricultural Health Study beteiligt.

Dass die neuen Ergebnisse nicht berücksichtigt wurden, ist formal völlig korrekt: Nach einem ehernen Grundsatz bezieht die IARC nur solche Forschungsarbeiten in ihre Bewertungen ein, die bereits von einer wissenschaftlichen Zeitschrift, peer reviewed, angenommen wurden. Die aktualisierten Erkenntnisse der US-Studie sind aber bislang nicht publiziert. Doch warum nicht?

Ein brisanter Verdacht: Hat der Chef der WHO-Krebskommission Daten unterschlagen?

Roundup-Hersteller Monsanto vermutet gegenüber Reuters, die entlastende Veröffentlichung sei "absichtlich verheimlicht" worden, damit das IARC sie nicht prüfen konnte.

Diese Unterstellung rief eine weitere Investigativjournalistin auf den Plan. Carey Gillam bewertet den Fall indes als Erfolg geschickter "Spindoktoren" von Monsanto. In der Onlinezeitung Huffington Post behauptet sie, einer der Kronzeugen von Reuters habe als Gutachter für Monsanto gewirkt. Und nicht nur das: Nach der negativen IARC-Bewertung über Glyphosat ist der Ruf des Konzerns beschädigt, es drohen Prozesse. Monsanto habe die entlastende Geschichte von den verheimlichten Daten wohl geleakt, mutmaßt Gillam, mit Dokumenten, die eigentlich unter Verschluss seien.