Gunter Gabriel ist gestürzt. Das ist eigentlich kein Satz für die Zeitung. Keiner mit Neuigkeitswert. Gunter Gabriel ist gestürzt: Das ist die Geschichte seines Lebens. Hinfallen, aufstehen, weitermachen. Scheiße bauen, Sorry sagen, weitermachen. Zäh, störrisch und kompromisslos, so waren nicht nur die Typen in Gabriels Songs, die Fernfahrer, Bergarbeiter und Cowboys. Er war selbst so. "Ich bin ein einfacher Mann", sang er im Lied Mit dem Hammer in der Hand, "ich bin aus gutem Holz", und "darauf bin ich stolz".

Bekannt wurde Gunter Gabriel in den siebziger Jahren, da war er bereits Anfang dreißig. Er war ohne Mutter aufgewachsen, bei einem Vater, der ihn prügelte. Nachdem er sich einige Jahre mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen hatte, ging Gabriel aus Nordrhein-Westfalen nach West-Berlin. Dort schrieb er Schlager für Wencke Myhre und Juliane Werding (Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst) und veröffentlichte bald eigene Stücke. Sein erstes Album hieß Gesucht, das Cover zeigte ihn wie auf einem Steckbrief im Wilden Westen und charakterisierte ihn als "anpassungsunwillig". Damit war das Bad-Boy-Image gesetzt. Songs wie Er ist ein Kerl (Der 30-Tonner Diesel) und Hey Boss, ich brauch mehr Geld wurden Hits.

Wie man die Malocher-Romantik dieser Lieder finden sollte, die Geschichten von Männern, die hart anpacken, nie klagen, vielleicht mal ein Bier zu viel trinken und deshalb Ärger mit ihren Frauen haben, darüber gab es verschiedene Meinungen im geteilten Deutschland. Der stern attestierte Gabriel ein "progressives Image", wegen seiner "unkonventionellen Balladen aus dem Arbeitermilieu". Das DDR-Blatt Neues Leben widersprach vehement. Gabriel singe über "kreuzbrave Kerle, die Tag für Tag schuften, aber nicht begriffen haben, dass sie ihre Sehnsüchte nie verwirklichen können". Es fehle "der politische Standort". Die marxistisch-leninistische Schelte schadete Gabriel nicht. 1975 wurde er im Westen zum "Sänger des Jahres" gewählt.

Bei seinen ersten Auftritten in der ZDF-Hitparade trug Gunter Gabriel noch Anzüge, bald wechselte er zu Fransenhemd und Cowboystiefeln, passend zum Countrysound. "Ich kaufe diese Sachen immer auf der Reeperbahn in St. Pauli", sagte er. Später sollte Gabriel selbst nach Hamburg ziehen und in einem Hausboot im Harburger Hafen wohnen.

Gunter Gabriel wurde reich – und verlor alles. In den achtziger Jahren verzockte er sich mit Immobilien-Spekulationen. "Ich hatte doofe Berater und war blind", sagte er vergangenes Jahr im Gespräch mit der ZEIT. "Ich habe immer Schulden. Aber Schuld ist das falsche Wort. Ich habe offene Rechnungen."

Sein großes Vorbild war Johnny Cash, der sich ebenfalls als zäher Kerl inszenierte, als Freund der Outlaws, als fehl am Platz in einer Gesellschaft, in der Bildung und Soft Skills mehr zählen als Muskeln und Willenskraft. Er deutschte Cash-Songs ein, oft eher eigenwillig als gut (aus "Because you’re mine, I walk the line" wurde bei Gabriel "Schrei’s oder knurr’s, ich bleib auf Kurs"). Und er sang ein Loblied auf die Auslandseinsätze der Bundeswehr (zur Melodie von House of the Rising Sun textete Gabriel: "Es liegt ein Haus im Kosovo, das ist zerbombt und leer, doch die Jungs aus good old Germany, die stell’n es wieder her").

Einmal landete Gunter Gabriel sogar weit oben in den Lesercharts der Popzeitschrift Spex. Das war 2005, zuvor hatte Gabriel sich über die Besucher eines seiner Konzerte in Ostdeutschland mokiert: "Ihr habt ja so viel Zeit, sonst wärt ihr ja nicht am Nachmittag schon hier, ich hab leider keine Zeit, ich muss meinen Arsch immer in Bewegung halten, damit die Knete stimmt." DJ Koze sampelte den Wutausbruch, baute dazu einen Ambient-Soundteppich aus Beats und Klavierakkorden und veröffentlichte das Ganze auf einem Sampler des Golden Pudel Clubs. Humor à la Studio Braun. Ob Gunter Gabriel darüber lachen konnte, ist nicht überliefert.

Was überliefert ist, weil er es selbst ständig wiederholte: Gunter Gabriel war zufrieden mit seiner Rolle als Außenseiter. Er ließ sich nicht von seinem Kurs abbringen, sang weiter seine Lieder vom kleinen Mann, zur Not bei Privatkonzerten in den Wohnungen seiner Fans, wenn ihn sonst keiner buchen wollte. Er strauchelte, er stand wieder auf. Nur seinen letzten Sturz überlebte er nicht. Nach einem Fest mit Freunden fiel er eine Steintreppe in einem Hotel hinunter und brach sich einen Halswirbel. Mehrere Operationen konnten ihn nicht mehr retten. Gunter Gabriel starb am 22. Juni 2017. Er wurde 75 Jahre alt.