Es hätte kaum einen besseren Zeitpunkt geben können, um diesen lange gehegten Plan endlich in die Tat umzusetzen. Jedenfalls aus Sicht der norddeutschen Handelsverbände. Vergangene Woche haben sich drei von ihnen zu einem neuen Dachverband zusammengeschlossen: Der norddeutsche Groß- und Außenhandelsverband AGA, der Wirtschaftsverband für Handelsvermittlung und Vertrieb (CDH) und der Verband der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels Nord (VMG) bilden einen gemeinsamen Dachverband. Nordhandel soll der heißen.

Drei von ungezählten regionalen Handelsverbänden verkünden ihre Zusammenarbeit: Unter normalen Umständen hätte das wenig Aufsehen erregt. Doch seit einigen Monaten sind die Umstände in der Hamburger Wirtschaft nicht mehr normal.

Im Februar hat die als Kammer-Rebellen bekannte Unternehmergruppe "Die Kammer sind wir" die Macht in der Hamburger Handelskammer errungen. Unter der Führung von Tobias Bergmann gewann sie die Plenarwahl mit dem Versprechen, die verpflichtenden Kammerbeiträge abzuschaffen.

Unklar ist noch immer, wie das funktionieren soll, klar ist hingegen: Wenn es künftig nur noch freiwillige Zahlungen gibt, bleibt weniger Geld für große wirtschaftspolitische Konzepte und Kampagnen, mit denen die Kammer den Senat vor sich hertreiben könnte. Sie wird einen Teil ihrer Macht einbüßen, und das passt manchen nicht.

Es ist daher vor allem ein geschickter Marketingcoup des neuen Dachverbands, mit seiner bereits zehn Jahre alten Idee ausgerechnet jetzt an die Öffentlichkeit zu gehen. Markige Worte und Versprechen ("dem Handel in allen seinen Facetten eine kraftvolle Stimme zu geben") kommen schließlich viel besser an, wenn man gleichzeitig mit dem Finger auf eine Organisation wie die Handelskammer zeigen kann, die eigentlich auch Unternehmensinteressen vertreten soll, aber gerade einen Umsturz hinter sich hat und ihr Innerstes nun völlig neu sortieren muss.

In der Handelskammer geht es um Grundlegendes. Denn die ehemaligen Rebellen müssen sich nun fragen: Wie vertreten wir eigentlich die Gesamtinteressen der Hamburger Wirtschaft? Die Interessen aller Mitglieder zu vertreten ist die vornehmliche und im Kammergesetz geregelte Aufgabe der Industrie- und Handelskammern. Sie sollen im Gegensatz zu Branchenverbänden für jeden Unternehmer da sein, auch deshalb ist die Mitgliedschaft bei ihnen verpflichtend.

Es ist ein hehrer Anspruch, an dem die langjährige Kammerführung unter dem inzwischen abgesetzten Hauptgeschäftsführer Hans-Jörg Schmidt-Trenz zuletzt gescheitert ist. Tobias Bergmann und sein Bündnis konnten nur deshalb die fast schon absurde Mehrheit von 55 der 58 Plenumssitze erringen, weil sich viele Kleinunternehmer, gerade solche aus weniger traditionellen Branchen, nicht von der Kammer vertreten fühlten.

Nur: Seit dem Wechsel steht Bergmann vor dem umgekehrten Problem. Einst saßen im Kammerplenum vor allem Vertreter von Großkonzernen und Traditionsfirmen wie Siemens oder Otto. Heute treffen die Entscheidungen dort überwiegend Mini-Unternehmen, deren Namen viele Hamburger noch nie gehört haben. Schnapsbrenner, Cafébetreiber und Taxifahrer sind eben auch nicht die Hamburger Wirtschaft.

Egal, wie man die Sache dreht: Bei 160.000 Unternehmen, so viele Mitglieder hat die Hamburger Handelskammer, ist der gemeinsame Nenner zwangläufig klein. Auch deshalb muss sich die neue Kammerführung auf die vorgeschriebenen Mindestaufgaben konzentrieren. Diese Lücke nutzt der nun neugegründete Dachverband Nordhandel, um für sich zu werben.