Ich habe seit einiger Zeit das Gefühl, die Hippies sind zurück. Ich wollte erst nichts sagen. Weil ich nicht kleinlich und herzlos sein will. Und weil sie ja nicht stören. Aber na ja. Irgendwie stören sie doch.

Es begann mit Margot Käßmann. Als im letzten Jahr drei Islamisten in Brüssel 35 Menschen das Leben nahmen und über 300 verletzten, da sagte Margot Käßmann: Wir sollten versuchen, den Terroristen mit Liebe zu begegnen. Mir kam das seltsam vor. Als ich das Bild der Terroristen sah, diese blassen, leeren Gesichter, empfand ich – ja: Hass. Möglicherweise war es auch Ekel. Aber ich glaube eher, es war Hass.

Ich ging auf Twitter. Ich sah Fotos von Freunden und Kollegen, sie hatten rote Augen und hielten Gläser in der Hand. Jemand hatte, als Antwort auf den Terror, die Aktion #aufdieliebe gestartet. Sie bestand im Wesentlichen darin, dass man sich dabei fotografierte, wie man gerade einen Schnaps trank, einen "Sex on the Beach" oder ein Pils. Manche fotografierten auch einen Kussmund oder ein selbst gemaltes Herz. Tausende beteiligten sich, Medien berichteten.

Man war sich einig, dass jetzt, im Angesicht des Terrors, nicht der Hass gewinnen durfte. Die Liebe sollte gewinnen. Na ja, dachte ich. Liebt ihr ab jetzt auch euren Nachbarn, der nachts um drei Scooter hört? Liebt ihr den Busfahrer, der euch vor der Nase wegfährt, obwohl er euch sieht? Liebt ihr diese Typen, die ihr warmes Schnitzelbrötchen rausholen, sobald der ICE den Bahnhof verlässt? Ich weiß, dass es nicht okay ist. Aber ich hasse diese Typen mit den Schnitzelbrötchen. Fürs Protokoll: Ich würde selbstverständlich keine Gewalt anwenden. Auf dem Weg zum Mann mit dem Schnitzelbrötchen zivilisiere ich mich, und es folgt eine recht freundliche Frage.

Ein paar Monate später gründete eine deutsche Journalistin die Aktion "Organisierte Liebe". Sie wollte dem Hass von AfD und Pegida begegnen, dem "organisierten Hass", wie sie sagte. Als ginge es jetzt darum, in die letzte große Schlacht zu ziehen: Mittelerde gegen Mordor, Frodo gegen Sauron, Harry Potter gegen Lord Voldemort. Die fröhlich Liebenden gegen die hässlich Hassenden. Klingt das nicht ein bisschen nach Märchen?

In den USA vereinten sich die Gegner von Donald Trump hinter dem Wortspiel "Love trumps hate". Was übersetzt so viel heißt wie: Liebe triumphiert über den Hass. Ich glaube, Donald Trump würde auch von sich behaupten, dass er liebt. Seine Tochter Ivanka zum Beispiel. Die Wochenenden in Florida. Und sich.

Die Liebe war plötzlich überall. Das Bundesfamilienministerium trommelte für eine Aktion gegen hate speech im Internet. In einer Zeitung hielt Manuela Schwesig ein Herz in der Hand. "No hate" stand darauf. Ich würde Manuela Schwesig gerne fragen, ob sie nicht auch manchmal hasst. Ob das überhaupt geht: ein Leben ohne Hass? Ich kann es mir nicht vorstellen. In Unternehmen, Ämtern, Redaktionen: Es gibt immer einen, der einen anderen hasst. Es ist nicht toll, aber es gehört dazu. Ich frage mich, was passiert, wenn man das leugnet.

Nach dem Anschlag am Breitscheidplatz sagte Michael Müller, der Regierende Bürgermeister von Berlin: "Hass kann und darf nicht unsere Antwort auf Hass sein." Ich habe diesen Satz mehrmals gelesen, etwas störte mich. Er ist richtig. Aber er ist auch irgendwie falsch. Ist es nicht menschlich, Anis Amri, den Attentäter von Berlin, zu hassen? Und jene Arschlöcher, die an der Planung der Tat beteiligt waren? Ich denke, es ist okay, diese Menschen zu hassen. Es ist nur komplett falsch, jetzt Menschen zu hassen, die nichts dafür können. Merkel zum Beispiel. Oder Flüchtlinge.

Es ist ja nicht so, dass ich etwas gegen Liebe habe. Ich glaube nur, Liebe ist die falsche Kategorie, um dem Weltwahnsinn zu begegnen. Das Hippietum, das gilt für das neue wie das alte, ist letztlich unpolitisch: Statt zu differenzieren, begegnet es jeder Herausforderung mit dem kindlichen Wunsch nach Umarmung. Doch während sich die Liebenden zu einem bed-in unter der Daunendecke verkriechen wie einst Yoko Ono und John Lennon, demontieren die Wahnsinnigen unsere Demokratie.

Nur noch lieben, nie mehr hassen: Dieser Anspruch ist so groß, dass man an ihm scheitern muss. Warum versuchen wir es nicht eine Nummer kleiner? Mit mehr Empathie zum Beispiel. Und esst, verdammt noch mal, nie wieder Schnitzelbrötchen im ICE.