Der Schweriner Hauptbahnhof ist so klein, man kann eigentlich gar nicht über ihn schreiben. Nur vier Gleise. Kein einziger ICE-Halt, stattdessen Gadebusch und Groß Brütz. Wenn man der neuen Ministerpräsidentin Manuela Schwesig von hier aus eine Twitter-Nachricht schicken würde, würde sie sicher antworten. Weil sich in Schwerin eh jeder kennt und grüßt. Es gibt keinen McDonald’s, Le Crobag, asiahung und so. Nur einen Subway und einen Bäcker. Vom Halong Bay, in dem es einmal asiatische Spezialitäten und Döner zu kaufen gegeben haben muss, wie ein altes Schild verrät, ist nichts als ein totes Schaufenster übrig.

Dieser Bahnhof ist so klein, er ruft einem zu: Wanderer, verweile nicht, hinaus mit dir in die Stadt, unter den weiten Himmel, ans Wasser. Und schon auf dem Vorplatz hat man das Gefühl, mit einem Bein im Urlaub zu stehen. Sofort will man vergessen, wer man gestern noch war, was heute früh noch anlag, man will einfach ankommen. Eigentlich will man sofort Schweriner sein. Ständig im Urlaub quasi. Man sieht, wie ein Bus weit hinter der Haltestelle noch einmal anhält, um eine zu spät gekommene junge Frau zusteigen zu lassen, und weiß, das ist der Beweis: Hier ticken die Uhren anders. Auf keinem anderen Landeshauptstadt-Bahnhofsvorplatz hätte man das erlebt.

Zehn Schritte weiter steht man am Pfaffenteich, ist mitten im Gewühl aus Einheimischen und Fahrradtouristen. In einer orange angemalten Festung ist hier das Ministerium für Inneres und Europa untergebracht. Auch das fällt in Schwerin also in eins, denkt man, die Kleinheit macht’s möglich, und läuft weiter. Fast automatisch kommt man zum Schloss, fast automatisch, denkt man, müsste man doch so auch zur baldigen Ministerpräsidentin kommen. Wo sie wohl wohnt?

Und tatsächlich, gerade als man noch überlegt, ins Café Prag einzukehren, weil das tatsächlich so aussieht, als schrieben wir noch immer das Jahr 1968, sieht man sie ein paar Schritte weiter in der Pizzeria sitzen. Aber niemand nimmt Notiz von ihr, alle radeln vorbei, Einheimische wie Touristen. Das gehört hier gewiss zum guten Benehmen. Man weiß, dass man eine Ministerpräsidentin zum Anfassen hat, genau deshalb muss man sie eigentlich nicht weiter beachten. Wie gut, dass man ihr doch keine Twitter-Nachricht geschrieben hat.