DIE ZEIT: Herr Kardinal, was ist Ihre früheste Erinnerung an Helmut Kohl?

Karl Lehmann: Er lud mich 1968 zur Weihnachtsfeier in den Landtag ein, um eine kleine Meditation zu halten, und ich habe Ja gesagt. Nachher saßen wir zusammen am Tisch, so lernten wir uns kennen. Da war ich erst drei Monate als Professor für Dogmatik in Mainz. Kohl läutete damals als Fraktionsvorsitzender im Landtag gerade die Ablösung des CDU-Ministerpräsidenten Altmeier ein. Sein eigener Aufstieg begann.

ZEIT: Kohl war 38, Sie waren 32. Was wollte der junge Spitzenpolitiker von dem jungen Professor?

Lehmann: Er interessierte sich für die Kirche. Mehr, als viele dachten. Außerdem war sein Amtssitz nicht weit von meiner Wohnung. Als ich drei Jahre nach jener Weihnachtsfeier einen Ruf an die Uni Freiburg bekam, war für ihn klar, dass ich in Mainz bleibe. Er lud mich zu einem Glas Deidesheimer in die Staatskanzlei ein – der neue Ministerpräsident vertraute seinem starken Einfluss, aber ich bin trotzdem gegangen. Als ich zwölf Jahre später zum Bischof gewählt wurde und nach Mainz zurückkam, war er gerade Bundeskanzler geworden.

ZEIT: Helmut Kohl war nun in Bonn, später in Berlin. Wann hatten Sie denn Zeit zum Reden?

Lehmann: Wir haben zweimal im Jahr einen längeren Spaziergang gemacht, meist im Pfälzer Wald. Nach drei, vier Stunden sagte er meist: Jetzt gehst du noch mit mir nach Hause, und wir setzen uns ans Kaminfeuer! Da war dann auch oft Frau Hannelore dabei, manchmal die Söhne Peter und Walter. Er war leger und lustig, trotzdem nie kumpelhaft. Da blieb immer Abstand und Achtung.

ZEIT: Obwohl Sie sich geduzt haben.

Lehmann: Das konnte bei ihm schnell gehen.

ZEIT: Machte der Kanzler auch Gegenbesuche?

Lehmann: Wenn er in Mainz zu tun hatte, kam er gern bei mir im Bischofshaus vorbei, saß wie wir hier am Tisch, trank Kaffee oder auch ein Glas Wein. Seine Besuche waren wenig geplant und, was mich betrifft, ohne große Absicht. Ich habe nicht viel gefragt, sondern ihn reden lassen: Im Grunde hat er sich bei diesen freundschaftlichen Gesprächen erholt. Da wollte mal einer nicht so viel von Politik wissen, ich habe nur selten etwas Politisches nachgefragt. Er wusste auch, dass ich keinen Gebrauch von unseren Gesprächen machen würde.

ZEIT: Er war ab 1983 Kanzler, Sie waren ab 1987 Vorsitzender der Bischofskonferenz, also der mächtigste Katholik im Land. Worüber redeten Sie?

Lehmann: Über Bekannte. Über Mainz. Er fragte nach diesem und jenem neuen Bischof, nach dem Papst in Rom, aber auch das war nur ein Thema unter vielen. Bei Persönlichem war er immer diskret und zurückhaltend. Dafür kehrten wir bei unseren Waldspaziergängen öfter in eine Wirtschaft ein. Einmal war ich am Wolfgangsee eingeladen. Frau Kohl hatte gekocht, nach dem Essen ging sie im Wolfgangsee schwimmen. Wir Männer spülten und trockneten ab. Ich weiß noch, wie er zu mir sagte: Das glaubt uns doch keiner!

ZEIT: Welches christliche Thema interessierte den Kanzler wirklich?

Lehmann: Religionsfreiheit und wie sie sich mit dem Anspruch des Glaubens auf Gewissheit verträgt.

ZEIT: Gab es gemeinsame Kirchentermine?

Lehmann: Relativ selten. Wir besichtigten zusammen die Kathedrale von Reims, und er nahm mich mit zur Beerdigung von Kardinal Tomašek von Prag – eines legendären Widerständlers gegen die Kommunisten. Wir flogen gemeinsam von Ramstein aus.

ZEIT: Waren Sie für ihn auch Beichtvater?

Lehmann: Nein. Ich habe mich beim Wandern seinem Tempo angeschlossen und bin beim Reden seinen Gedanken nachgegangen, weil ich den Eindruck hatte: Er ist froh, wenn er mal nicht gejagt und bedrängt wird. Das hat ihm gutgetan. Am Dreikönigstag gerieten wir einmal mit dem Auto mitten unter Sternsinger: Da ließ er sofort anhalten, um etwas in die Sammelbüchsen der Kinder zu werfen. Wissen Sie, es wird jetzt viel zu wenig Notiz genommen von seiner Jugend: Bei Kriegsende war er 15 Jahre alt, und sein geliebter Bruder Walter, nach dem er später seinen Sohn benannte, war in der Normandie gefallen. Der hatte ihm beim letzten Treffen gesagt: "Pass auf dich auf. Ich komme nicht wieder. Und kümmere dich vor allem um Mama." Das tat er mit Entschlossenheit. Helmut war erst 17, als die Junge Union mit seiner Hilfe gegründet wurde. Dass er seine Pfälzer Heimat so liebte, war kein oberflächliches Provinzlertum, sondern der Wunsch nach Halt, auch nach Frieden und Aussöhnung. Seine Eltern waren im Glauben und Leben der Kirche verwurzelt. In vielen Nachrufen kommen diese verborgenen Hintergründe seiner Lebenseinstellung zu kurz.

ZEIT: Hatten Sie bei Ihren Spaziergängen im Wald eigentlich Personenschutz?

Lehmann: Nein, nicht dass ich wüsste. Jedenfalls lief uns niemand hinterher. Aber ich glaube, sein Chauffeur, der Herr Seeber, mit Spitznamen "Ecki", hatte möglicherweise eine Waffe dabei.

ZEIT: Sie beide, Kohl als Kanzler und Sie als Chef der Bischofskonferenz, bestimmten die Geschicke des Landes. Was verband Sie?

Lehmann: Wir kamen beide vom Land, wo Heimat eine wichtige und keinesfalls bloß sentimentale Rolle spielte. Die Bräuche, die Gewohnheiten und natürlich die Verbundenheit mit der kirchlichen Lebenswelt. Anders als er bin ich zwar kein Pfälzer, sondern Schwabe, eigentlich ein Hohenzoller. Trotzdem gab es da eine südwestdeutsche Verbundenheit. Zu den Unterschieden gehörte sicher seine Entschlossenheit in Machtfragen.

ZEIT: Hat er Ihnen, als Sie in Mainz anfingen, mal den Dom gezeigt?

Lehmann: Nein, seine große Liebe galt immer dem Dom von Speyer. Dass er jetzt in Speyer beerdigt wird, ist zwar etwas seltsam, aber auch ein bedeutungsvolles Zeichen seiner Herkunft. Als er Kanzler in Bonn war, wurden ausländische Staatsgäste oft in den Speyrer Dom geführt. Zu Weihnachten dagegen war er meist im Wormser Dom. Im Übrigen darf ein Mann wie Helmut Kohl in seiner Würde und seinen Verdiensten nicht nur nach familiären Gesichtspunkten beurteilt werden. Dass sein Sohn Walter nicht mehr an das Totenbett seines Vaters herankam, ist allerdings furchtbar. Ich selber habe mich in die Familie nie eingemischt, aber alle Seiten erlebt und zu verstehen versucht. Dass Walter Kohl zu Lebzeiten des Vaters ein Buch gegen ihn schrieb, habe ich jedoch nie verstanden. Das war mir absolut fremd.