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Ausgerechnet ein Wirtschaftskonzept machte Helmut Kohl zum Kanzler. Am 9. September 1982 veröffentlichte Otto Graf Lambsdorff sein Pamphlet für mehr Wachstum und nannte es "einen eigenständigen Vorschlag". Darin forderte der kantige FDP-Wirtschaftsminister die marktliberale Wende für Deutschland und zerriss auf diese Weise die ohnehin von Konflikten geschwächte Koalition mit der SPD und ihrem Kanzler Helmut Schmidt.

Damals beherrschte das britisch-amerikanische Duo Margaret Thatcher und Ronald Reagan mit seinem Ruf nach mehr Markt den globalen Zeitgeist, während Helmut Kohl schon sechs Jahre in schmerzhafter Oppositionsführerschaft schmachtete. Ihm wäre wohl jeder Anlass willkommen gewesen, um ins Bonner Kanzleramt zu wechseln. Und doch war es voller Ironie, dass der Anlass ein ökonomischer war.

Der Historiker Kohl interessierte sich nämlich keinen Deut für Wirtschaft, solange sie nichts mit seinem persönlichen Netzwerk zu tun hatte und mit der Versorgung seiner CDU mit "Bimbes", wie man in seiner Heimat das Bargeld nennt. Schon gar nicht interessierte er sich für Lambsdorffs Thema, die Ordnungspolitik. So wurde der Pfälzer also Kanzler – und ignorierte 16 Jahre lang das Papier des Grafen, so wie er überhaupt alle wirtschaftlichen Grundgedanken ignorierte. Umgesetzt wurden Lambsdorffs Forderungen schließlich dem Geiste nach von einem in die Enge getriebenen Gerhard Schröder, 21 Jahre nachdem sie aufgeschrieben worden waren.

Kohl war, ähnlich wie Willy Brandt und ganz anders als Helmut Schmidt, ein Anti-Ökonom. Seine Wende nannte er geistig-moralisch, das Wort "Vaterland" kam ihm viel leichter über die Lippen als "Volkswirtschaft". Dafür erhielt er damals schon viel Kritik, der Sachverständigenrat mahnte ihn jedes Jahr erneut, endlich die Marktkräfte zu entfesseln. Und heute wieder, nach seinem Tod, da es unisono heißt, der große Kanzler der Einheit sei ein miserabler Wirtschaftspolitiker gewesen.

Nur – so einfach ist das gar nicht. Sich dem Zeitgeist zu entziehen, das war zunächst eine erfolgreiche Form der wirtschaftlichen Verweigerung. Erst später, als Kohl zunächst Deutschland und dann Europa auf neue Fundamente stellte, verursachte er riesige Verwerfungen, weil er die Grundregeln des Wirtschaftens außer Acht ließ.

Es gibt einen Helmut Kohl 1.0 und einen Helmut Kohl 2.0. Der erste, von links verhöhnt und von rechts mäßig geliebt, regierte bis 1989. Das ökonomische Motto der Zeit war die von den freiheitsliebenden Ökonomen in Chicago vorgedachte Angebotspolitik. Die keynesianische Politik, die Wirtschaft mit mehr Staatsausgaben anzukurbeln, hatte erst einmal ausgedient, weil sie in den Ölpreiskrisen Mitte der siebziger und Anfang der achtziger Jahre keine Jobs, sondern nur steigende Schulden produzierte. Nun also sollte der Staat den Weg für die Unternehmen frei machen, sollte deregulieren, öffentliche Firmen in die private Freiheit entlassen und vor allem Steuern senken.

Als Kohl ins Kanzleramt einzog, hatte Ronald Reagan in den USA den Spitzensteuersatz schon von 70 Prozent auf 50 Prozent gesenkt und würde ihn in den folgenden Jahren auf 28 Prozent klein hacken. Die deutschen Freunde radikaler Liberalisierung rieben sich nun die Hände: Mit "geistig-moralisch" war doch sicherlich auch ökonomisch gemeint.