Tatsächlich ließ sich Kohl in seine Regierungserklärung von 1983, nach der ersten gewonnenen Bundestagswahl, ein Lippenbekenntnis hineinschreiben und sprach: "Eine Wirtschaftsordnung ist umso erfolgreicher, je mehr sich der Staat zurückhält und dem Einzelnen seine Freiheit lässt. Die Soziale Marktwirtschaft ist wie keine andere Ordnung geeignet, Gleichheit der Chancen, Eigentum, Wohlstand und sozialen Fortschritt zu verwirklichen. Wir wollen nicht mehr Staat, sondern weniger; wir wollen nicht weniger, sondern mehr persönliche Freiheit."

Danach geschah auf dem wirtschaftlichen Feld – praktisch nichts. Womit sollten die FDP-Politiker um Lambsdorff noch drohen, sie waren ja schon nach rechts geschwenkt. Während Reagan sein Land in ein gigantisches Schuldenabenteuer stürzte, wurde Deutschland konsolidiert. Auch wenn Wolfgang Schäuble schon im Bundestag war, hatte Kohl doch seinen eigenen Schäuble: Gerhard Stoltenberg war von 1982 bis 1989 der CDU-Finanzminister. Wie der heutige Kassenwart war der kühle Politiker aus Kiel zwar kein Ökonom, konnte aber rechnen. Forderungen nach "Reaganomics" prallten an ihm ab wie Wellen an der Kieler Mole.

Das Ergebnis: Während die Staatsschuld im Jahrzehnt zuvor und dem danach um jährlich mehr als zehn Prozent stieg, ging es jetzt höchst moderat zu. Die Neuverschuldung des Bundes wuchs um kaum mehr als die Wirtschaft insgesamt, der Anteil aller Bundesschulden an der Wirtschaftsleistung bewegte sich nur von rund 21 Prozent auf gut 22 Prozent. Weil die Inflation sich auch beruhigte und 1986 sogar einmal in eine kleine Preissenkung umschlug, fühlten sich die Westdeutschen wieder sicherer. Viele regten sich übers Privatfernsehen auf, dem Kohl mit dem Ausbau des Kabelnetzes den Weg bereitete, doch schockartige Reformen auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Altersvorsorge fanden einfach nicht statt. Kohl war kein Thatcher, er mochte sie nicht einmal. Erst gegen Ende des Jahrzehnts wurde eine Steuerreform beschlossen, die den Spitzensatz bescheiden von 56 Prozent auf 53 Prozent verminderte.

Fieberkurve

Veränderung des realen BIP in Prozent

Statistisches Bundesamt © ZEIT-GRAFIK

An dieser Stelle beginnt Helmut Kohl 2.0. So mutig und erfolgreich er für die deutsche Einheit kämpfte, so ungünstig begann sie wirtschaftlich für ihn. Der Steuersenkungsschub kam ausgerechnet im Einheitsjahr 1990 über die Volkswirtschaft, die dank des Mauerfalls ohnehin heiß lief und diesen Schub wahrlich nicht brauchte. Aber der Kanzler hatte eine Einheit ohne Steuererhöhung versprochen, und so blieb es beim neuen Tarif. Die Wirtschaft überhitzte, die Bundesbank hielt mit hohen Zinsen dagegen, die Ruhe war vorüber. Doch die größten Fehler lagen in den Abmachungen zur Einheit selbst.

Der Wechselkurs von eins zu eins zwischen West- und Ostmark war vielleicht noch alternativlos, um die Ostdeutschen bei Laune zu halten. Die Idee, dass die Bundesrepublik Tausende Unternehmen aus dem Osten über die Treuhand schnell losschlagen musste, war es sicher nicht. Da gibt es auch kaum zwei Ökonomenmeinungen: Wird das Angebot in der Weise erhöht und setzt sich der Verkäufer auch noch selbst unter Zeitdruck, dann sinken die Preise. Außerdem kommen die falschen Kunden. Tatsächlich gingen manche Firmen für eine Mark über die Rampe.

Zum Treuhanddrama kam das Arbeitsdesaster. Ein eiserner Wirtschaftskanzler hätte dagegen gekämpft, dass sich die Gehälter in Ostdeutschland viel zu rasant denen im Westen annäherten. Er hätte nicht der Forderung nachgegeben, das teure Sozialsystem und das rigide Arbeitsrecht des Westens flugs auf die marode ostdeutsche Wirtschaft zu übertragen. Helmut Kohl ließ es geschehen. Folglich stiegen die Ost-Löhne viel schneller als die Produktivität, in Osteuropa brachen alte Absatzmärkte weg, und viele Betriebe wurden einfach erdrückt. Das hat viel Vertrauen und Hunderte Milliarden Mark gekostet.