Fußballer reden gerne von Philosophie. Am Spielfeldrand sagen sie: Die Philosophie unseres Trainers ist, dass wir aggressiv nach vorne spielen. Nicht nur ein Fußballtrainer hat eine Philosophie, auch der ganze Fußballverein. Menschen, die es nicht ganz so erhaben ausdrücken, nennen es eine Strategie. Bei Vereinen, die gut geführt sind, ist diese Philosophiestrategie klar zu erkennen. Der SC Freiburg zum Beispiel bildet junge Spieler aus und verkauft sie dann für viele Millionen an reichere Clubs. Beim HSV sieht das – natürlich – anders aus.

Da sich in einem Verein mehrere Menschen versammeln, die unterschiedliche Ansichten vertreten, können gleichzeitig mehrere Philosophiestrategien existieren. Sie können sich widersprechen und den Verein in arge Probleme bringen. Genau das ist in den vergangenen Wochen in Hamburg passiert.

Der HSV macht seit Jahren jeden Sommer das Gleiche. Nachdem er sich irgendwie in der Bundesliga gehalten hat, schauen alle auf den großen Geldgeber Klaus-Michael Kühne, hoffen, dass er ein paar Millionen rüberschiebt, und lassen die Vereinsoberen diese Millionen in großem Überschwang ausgeben. Die Neuverpflichtungen sind teuer, weil die ganze Fußballwelt weiß, dass der ältere Herr schon ordentlich zahlt.

In diesem Sommer gab es nun zwei Herren, die sich dieser wenig bis gar nicht erfolgreichen Philosophiestrategie widersetzen wollten: Heribert Bruchhagen, der im Winter als Vorstandsvorsitzender geholt wurde, und Andreas Peters, seit Winter neuer Vorsitzender des Aufsichtsrats. Sie wollten das Geld von Herrn Kühne nicht gleich annehmen, sondern erst teure Spieler aus dem Kader verkaufen. Ihr Plan scheiterte. Für den Verein ist das kein gutes Zeichen. Die Ereignisse der vergangenen Wochen zeigen, wie offensiv und offensichtlich Klaus-Michael Kühne mittlerweile in den sportlichen Bereich eingreift.

In einem Interview mit Sat.1 forderte er von der Vereinsführung: "Nun tut mal was, und bewegt euch ein bisschen schneller." Den Worten folgten Taten. Kühnes Widersacher fügten sich, nahmen sein Geld an und holten seitdem fleißig Spieler. Gegen die Neuverpflichtungen ist im Prinzip wenig einzuwenden. U21-Nationaltorwart Julian Pollersbeck ist ein großes Talent. Der bislang von Leverkusen ausgeliehene Innenverteidiger Kyriakos Papadopoulos hatte seinen Anteil am Klassenerhalt. Außenstürmer André Hahn, der von Mönchengladbach kommt, kann kraftvollen Fußball spielen, und mit Bobby Wood verlängerte die einzige ernst zu nehmende Gefahr im gegnerischen Strafraum.

Das Problem ist: Einzelne neue Spieler machen ein marodes System nicht besser. Klaus-Michael Kühne drückt in diesem Sommer seinen Willen durch, indem er die Konditionen bestimmt: Ich gebe euch Geld, ihr habt gefälligst zu hören, auf mich und auf den Trainer Markus Gisdol, von dem ich gerade viel halte, auch seine Wünsche sind zu erfüllen. Für seine Rolle im Verein ist das dienlich. Dem Verein dient er damit nicht. Der HSV hängt mehr und mehr von den Launen Kühnes ab und verschiebt einen wirklichen Neuanfang Jahr um Jahr.

Natürlich: Eine Trennung von Kühne hätte drastische Folgen. Der HSV müsste viele Spieler gehen lassen, würde vielleicht sogar absteigen. Aber irgendwann muss dieser Verein einsehen, dass die Probleme, die seit Jahren bestehen, Probleme sind, die auch wegen des Engagements von Klaus-Michael Kühne bestehen.

In diesem Jahr hat der Verein es wieder verpasst, sich von ihm zu lösen. Immerhin gab es aber zum ersten Mal so etwas wie den Ansatz eines alternativen Vorgehens. HSV-Fans können nur hoffen, dass aus dem Philosophiechen von Bruchhagen und Peters spätestens nach dieser Saison eine echte Strategie wird.