Muss man immer noch denken "wagen", als ginge man ein Risiko ein? In unseren Breiten denkt sich doch ein jeder Mensch was. Oswald Wiener sagte einmal, dass es auf der Welt drei Meinungen gebe, aber die seien auf unendlich viele Leute verteilt. Denkt man an Immanuel Kant, dann denkt man an eine Zeit zurück, in der dem Denken noch etwas Neues, genannt "Aufklärung", anhaftete, und die war nicht unriskant. Das kann man im Reclam-Bändchen Denken wagen. Der Weg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit erleben.

Zur Unmündigkeit ein Problem: An der Universität Wien wurde ein "Zeitzeugenprojekt" durchgeführt. Die "Werte und Hoffnungen" junger Wienerinnen und Wiener aus Migrantenfamilien wurden erfragt. Ein junges Mädchen aus Pakistan erzählte dabei von der Vorfreude auf ihre Hochzeit. Ihr Mann wird von ihrer Familie ausgesucht werden, das Mädchen malte sich ihr Glück in den schönsten Farben aus. In diesem Konzept kommt an keiner Stelle Mündigkeit und Selbstbestimmung vor. Wie ist das einzuschätzen?

Laut Kant haben Menschen nicht die Wahl zwischen den scheinbar gleichrangigen Möglichkeiten der Mündigkeit und der Unmündigkeit. Das, was einer an seiner "Menschwerdung" selbst leisten kann, geht allein über seine Befreiung "aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit". In diesem Schuldzusammenhang würde man auch die romantischen Gefühle wiederfinden, die das Mädchen hegt und pflegt. An die Stelle einer Wahl tritt bei ihr die Selbstverständlichkeit einer Unterwerfung. Dieser Verzicht, der als solcher nicht erlebt wird, ist für das Mädchen ein "Wert".

Im Zentrum des Bandes steht Kants berühmter Aufklärungs-Aufsatz. Darin polemisiert er gegen Vormundschaft und stellt die rhetorische Frage, ob nicht eine Gesellschaft von Geistlichen, eine Kirchenversammlung, berechtigt sein sollte, "sich eidlich untereinander auf ein gewisses unveränderliches Symbol zu verpflichten, um so eine unaufhörliche Obervormundschaft über jedes ihrer Glieder und vermittelst ihrer über das Volk zu führen und diese sogar zu verewigen". Unmöglich, sagt Kant, denn das ist der Wert der Aufklärung: Sie ist nicht zu stoppen, jeder hat die Chance, drauf zu kommen, dass er selbst bestimmen muss, woran er glaubt – sonst hat auch sein Glaube keinen Wert.

Aufklärung beansprucht den "höheren Wert" gegenüber der Bevormundung. Aber was ist, wenn ein Mädchen ihre Mündigkeit genau darin sieht, den für sie ausgesuchten Mann freudig zu erwarten? Ist der Streit über die Mündigkeit vernünftig, erhellend, oder stoßen bloß zwei unvereinbare "Werte" aufeinander, die den Kulturrelativismus als einzigen Ausweg erlauben?

Immanuel Kant: Denken wagen. Der Weg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit; Reclam Verlag, Stuttgart 2017; 95 S., 6,– €