Ina Kent gießt Lavendelbüsche, während das erste Morgenlicht die Dächer in blasses Pink taucht. Von der Terrasse ihrer neuen Wohnung im 7. Wiener Bezirk aus überblickt die 51-jährige Designerin die halbe Stadt. Es ist das erste Mal, dass Kent und ihre 14-jährige Tochter mehr als drei Zimmer bewohnen. Zwar nach wie vor nur zur Miete, dennoch sagt Kent, dass es "eigentlich ein Wahnsinn" und sie ständig versucht sei, sich für "diese Extravaganz" zu rechtfertigen.

Dabei würde man Ina Kent die landläufigen Attribute des Erfolgs – Immobilienbesitz oder ein besseres Auto – längst zutrauen: Mit den Etuis und weichen Beuteln aus Leder, die Kent entwirft und unter ihrem eigenen Namen vertreibt, sind rund um die Welt Frauen aus dem kreativ-urbanen Milieu unterwegs. Kents Firma exportiert nicht nur nach Deutschland, Frankreich, Kanada und in die USA, sondern auch nach Japan und Südkorea. Zehntausend Taschen verkaufte sie im vergangenen Jahr, gerade verhandelt das New Yorker Nobelkaufhaus Barneys mit ihr. Die Kundinnen der späten Autodidaktin sind größtenteils besserverdienende Frauen, mit einem Faible für Bio-Gemüse und Qualitätshandwerk – obwohl Kent selbst nichts von Trendgeboten wie Regionalität hält und lieber in Pakistan produzieren lässt. Ein schlechtes Gewissen macht ihr das, ganz im Gegensatz zum "Luxus" der größeren Mietwohnung, aber nicht.

Am späten Vormittag überfliegt Kent in ihrem Hauptquartier in der Siebensterngasse Unterlagen. Sie trägt eine Lesebrille mit achteckigen Gläsern im Retro-Look. Sie spricht leise, ihre Worte wählt sie vorsichtig. Mit ihren dunklen, halblangen Haaren wirkt sie wie eine französische Philosophie-Professorin. "Meine Freunde und ich stammen ja eher aus einem gesellschaftskritischen Milieu", sagt sie. Da könnte auch ihre neue Wohnung auf manche so wirken, als wäre sie auf die andere Seite gewechselt.

Zumindest dem 7. Bezirk ist sie immer treu geblieben. Vom heutigen Szeneviertel war nichts zu spüren, als Kent hier aufwuchs. Der Vater arbeitete im Senat des Verwaltungsgerichtshofs, die Mutter war Hausfrau. Ina Kent fehlte beim Lernen jede Disziplin, mit 16 Jahren "entließ" sie sich schließlich selbst und jobbte jahrelang als Schulabbrecherin quer durch die Stadt. Erst mit 33 entschloss sie sich, die Studienberechtigungsprüfung zu machen und Ernährungswissenschaften zu studieren. Doch kurz vor dem Abschluss wurde sie schwanger. Als Alleinerzieherin, so sah sie es damals, musste sie sich eine solide Basis suchen.

Also besann sie sich auf ihre alte Leidenschaft fürs Handwerk und richtete eine kleine Werkstatt mit Shop in der Lindengasse ein. Sie saß an der Nähmaschine, klopfte mit dem Hammer Ösen ins Leder, um die Ware anschließend auf Märkten wie dem Wiener Spittelberg zu verkaufen. Passanten wussten damals beim Blick in die Auslage nie, ob es sich um eine Kunstinstallation oder um ein tatsächliches Geschäft handelte. Manchmal verkaufte sie nicht mehr als einen Gürtel in der Woche. Dann wurde das Geld so knapp, dass sie nicht mehr wusste, wovon sie sich und ihre Tochter ernähren sollte.

Schon nach einem Jahr gelang es Kent aber, an einer ersten Handelsmesse teilzunehmen. Das Geld, das sie dort verdiente, investierte sie in neue Lederhäute, bessere Fertigungsmöglichkeiten und weitere Messeauftritte. Langsam, aber kontinuierlich wurden die Abnehmer mehr, die Produktion größer, die Verkäufe internationaler. Auf die in der Branche übliche Selbstvermarktung setzte sie dabei nie: Bis heute gibt es auf der Homepage ihrer Marke kein Foto von Ina Kent und auch keinen Text zu ihrer Person.

Das Tiefstapeln ist immer noch so etwas wie ihr Markenzeichen. Aber diese Haltung ist vielleicht auch ihr Glück: Kent wollte in der Modebranche nie groß als Kreative oder als influencer wahrgenommen werden. Ihre Entwürfe, sagt sie, ergäben sich aus ihrem Anspruch an Oberfläche und Form. "Uns gefällt ihre deutliche Unterschrift. Durch das spezielle Design und die innovative Verwendung von Materialien stechen ihre Entwürfe aus der Menge heraus", sagt Henry Graham, Mitbegründer und Kreativdirektor des hippen britischen Internet-Versandhauses Wolf & Badger, das Kents Taschen im Portfolio hat.

Farben und Größen variieren, das Ergebnis bleibt trotzdem immer ähnlich: multifunktionale Taschen, die in ihrer minimalistischen Aufmachung die Antipode zum statement bag bilden, der ebenso luxuriösen wie großklotzigen Designerhandtasche. Auch der Preis unterscheidet sich deutlich. Kents Modelle kosten zwischen 85 und 500 Euro, weit weniger als Taschen vieler großer Modelabels, für die oft vierstellige Summen zu bezahlen sind.