Von Palmyra bis Nimrod: Das mittels Sprengstoffexplosionen verursachte Zusammensacken von jahrhundertealten Kulturdenkmälern im Nahen Osten ist durch den Bildersturm des "Islamischen Staates" und seine Dokumentation per Internetvideos zu einem geläufigen Bild geworden. Die neueste Meldung, die Sprengung des Minaretts der Al-Nuri-Moschee in Mossul, wäre also kaum der Rede wert – wenn dieses im Jahr 1172 errichtete Gebäude eine nur kulturgeschichtliche Bedeutung hätte.

Der große Orientreisende Ibn Battuta notierte bereits im 14. Jahrhundert, dass das Minarett von einem bedenklichen Schrägstand bedroht war. Das Wahrzeichen der Stadt Mossul wurde oft mit dem Schiefen Turm von Pisa verglichen, es ist auf dem irakischen 10.000-Dinar-Schein abgedruckt. Nun aber besorgte Barbarei, was die Schwerkraft über so viele Jahrhunderte nicht vermocht hatte. Der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi rügte die Sprengung des Minaretts und zog den Schluss, dass der IS seine Niederlage durch diese Tat nun offiziell eingestanden habe. Hat er recht?

In der Al-Nuri-Moschee hatte Abu Bakr al-Bagdadi am 4. Juli 2014 seinen allerersten und bisher einzigen öffentlichen Auftritt, bei dem er das Kalifat mit sich selbst an der Spitze ausrief und potenzielle Dschihadisten zur Reise dorthin ermunterte. Ein Gründungsakt des IS also an historisch bedeutsamer Stätte. Man könnte nun meinen, dass das Beseitigen dieses Turms selbst einer Kapitulation gleichkomme oder einem schicksalhaften Zusammenbruch, wie wir ihn zum Beispiel aus Edgar Allan Poes Erzählung Der Untergang des Hauses Usher kennen. Da ist es so, dass der schuldbeladene Abkömmling eines debil gewordenen Adelsgeschlechts unter den Trümmern des längst rissig gewordenen Familiengemäuers begraben wird (wobei sich, nebenbei bemerkt, die später durch die Psychoanalyse akzentuierte Verbindung von Psyche und Architektur deutlich zeigt).

Dieser Dekadenz-Hypothese stehen im Fall des "Islamischen Staates" die Einschätzungen westlicher Geheimdienste entgegen. Diese verweisen auf ein disproportionales Verhältnis: Je weiter der IS im Irak und in Syrien zurückweichen müsse, desto größer werde das Risiko von IS-Anschlägen im Ausland. Attentäter, die solche Anschläge verüben, müssen das Gelände des Kalifats bekanntlich nie betreten haben; die Zugehörigkeit der Terroristen zur Organisation wird einzig und allein durch ein Bekenntnis beglaubigt.

Fragwürdig ist deshalb der Begriff des Staates, den der IS im Namen führt. Dieser Begriff betont die Idee der räumlichen Gestalt wohl über Gebühr. Wenn Terror und Territorium hier aber tatsächlich nur in einem vagen Zusammenhang stehen, ist auch unklar, was für ein Symbol der gesprengte schiefe Turm von Mossul sein soll. Vielleicht zeugt er bloß vom Nihilismus des Schreckens. Ganz sicher aber ist er jetzt ein Haufen alter Steine in der Sonne.