Niemand, der Samira B. zum ersten Mal sieht, würde ahnen, dass sie aus einer konservativen muslimischen Familie stammt. An einem nahöstlich heißen Vormittag im Mai läuft sie durch die Straßen von Bat Jam, einem südlichen Vorort von Tel Aviv. Samira B., 40 Jahre alt, trägt ein tief ausgeschnittenes pfirsichfarbenes T-Shirt, rosa Lippenstift, die kinnlangen Haare sind blond gefärbt. Nur das rollende R und ein arabisches Füllwort hier und da verraten, dass Hebräisch nicht ihre Muttersprache ist. Wegen familiärer Probleme wuchs Samira B. in einem jüdisch-israelischen Kinderheim auf; ihren fünf Kindern hat sie, obwohl auch ihr Ex-Mann Muslim ist, sogar jüdische Namen gegeben: Noam und Omri heißen zwei von ihnen. "Ich habe mit der muslimischen Gemeinde nichts mehr zu tun", sagt sie. Und dennoch musste sie für ihre Scheidung vor ein Scharia-Gericht ziehen. In Israel.

"Keine Scharia in Europa": Unter diesem Banner liefen vor einigen Jahren Tausende Pegida-Anhänger durch die Straßen von Dresden. Vielen im Westen gilt die Scharia, das islamische Recht, als Symbol und Beweis für die Rückständigkeit und Frauenfeindlichkeit des islamischen Glaubens. Die Aufgeregten unter den Einwanderungskritikern warnen gern vor der Einführung der Scharia in Europa. Das wäre das ultimative Horrorszenario, die Abdankung des aufgeklärten Westens, später die feindliche Übernahme.

Was die wenigsten Pegida-Anhänger wissen dürften: Zu den Ländern, in denen die Scharia angewandt wird – in variierenden Lesarten und in unterschiedlichem Ausmaß – zählen nicht nur muslimische Staaten wie Saudi-Arabien, Pakistan und Afghanistan. Sondern auch jenes Land, das oft als deren Gegenspieler wahrgenommen wird: Israel.

Seit der Geburt des jüdischen Staates existieren hier zwei Rechtssysteme parallel: Öffentliches, Straf- und weite Teile des Zivilrechts liegen in der Hand der säkularen israelischen Gerichte. Über Fragen des Personenstandsrechts, also Hochzeit und Scheidung sowie Sorgerecht und Unterhaltszahlungen, entscheiden jeweils religiöse Gerichte nach den Gesetzen ihrer Gemeinde.

Dieses Recht gestand Israels Staatsgründer David Ben-Gurion den verschiedenen Religionsgemeinschaften zu, um der religiösen Vielfalt des Landes Rechnung zu tragen und um die Unterstützung der ultraorthodoxen Rabbiner zu gewinnen. Nicht nur Juden und Muslime, auch Drusen und diverse christliche Strömungen unterhalten seitdem ihre eigenen Gerichte. Allein über Hochzeit und Scheidung jedoch haben sie ganz und gar exklusive Macht; bei Fragen wie Sorgerecht und Unterhaltszahlungen können israelische Bürger wählen, ob sie sich an ein religiöses oder an ein Zivilgericht wenden. Samira B., die Muslimin wider Willen, zog nach der Scheidung vor ein säkulares Gericht, um ihren Ex-Mann zu höheren Unterhaltszahlungen zu zwingen. "Ich hatte gelesen, dass Zivilgerichte fairer urteilen", sagt sie.

Muslimische Frauen brauchen für diesen Schritt nicht das Einverständnis ihres Ex-Mannes. Dennoch entscheiden sich nur wenige dafür, sagt Laila Abed Rabho, die an der Hebräischen Universität in Jerusalem über Scharia-Gerichte in Israel und den palästinensischen Gebieten forscht. Die meisten muslimischen Frauen in Israel arbeiten nicht, kümmern sich um Kinder und Haushalt und haben nur wenige Berührungspunkte mit der jüdischen Mehrheitsgesellschaft. Manche sprechen schlichtweg nicht gut genug Hebräisch, um einem Prozess in einem hebräischsprachigen Zivilgericht folgen zu können; zudem sei vielen gar nicht bekannt, dass ihnen diese Möglichkeit offensteht. Dazu werden die Frauen oft von ihren Verwandten gedrängt, Familienangelegenheiten im Scharia-Gericht zu regeln: Schließlich sei der Qadi, der Scharia-Richter, selbst Araber und Muslim, "einer von uns".

Dennoch gibt es Rebellinnen, die die Traditionen und sozialen Normen ignorieren. Einige von ihnen vertritt der Anwalt Roy Brumer. Und er meint: Ihre Zahl wächst.

Der jüdische Familienanwalt Brumer, 33 Jahre alt, scheint auf den ersten Blick ein unwahrscheinlicher Verbündeter arabischer Musliminnen. Er empfängt in seinem Büro in der zweiten Etage eines Einkaufszentrums in Rischon LeZion, südlich von Tel Aviv. Seine raspelkurzen Haare trägt er auf der Stirn zu einem Dreieck rasiert, dessen Spitze mittig über den Brauen endet. Das Dreieck verleiht ihm eine aggressive Note. Auf einem Beistelltisch stehen gut ein Dutzend Wein- und Schnapsflaschen, umrahmt von einem Halbkreis aus Shotgläsern. Seiner Stimme hört man an, dass er Kette raucht.

Brumer, selbst zweimal geschieden, hat sich auf Familienrecht spezialisiert, vertrat aber in seinen ersten Berufsjahren nur jüdische Klienten. Eher aus Zufall wurde er zum Mann, dem die muslimischen Frauen vertrauen. Vor anderthalb Jahren, erzählt er, habe sich erstmals eine Muslimin an ihn gewandt, die beim Googeln auf seine Webseite gestoßen war. Sie wollte den Streit mit ihrem Ex-Mann um gemeinsamen Besitz vor einem Zivilgericht führen, weil sie von diesem ein gerechteres Urteil erwartete. Später empfahl sie Brumer an ihre Freundinnen weiter. 25 muslimische Klientinnen habe er seitdem vertreten. "Und jeden Tag bekomme ich weitere Anrufe", sagt er. "Es ist völlig verrückt."