Zwei verrückte Abende; zweimal geht’s um Hochpolitisches, uns Bedrängendes – das aber nie benannt, nicht diskutiert, nur immerzu umkreist wird. Der junge Ersan Mondtag wollte was machen mit dem NSU und der Zschäpe, also irgendwas mit Schuld und Faschismus, und der alte Christoph Marthaler nahm sich wieder mal die enge Heimat und das weite Fremdenproblem vor.

Mondtags Erbe hebt mit Zahlengeleier aus dem Off an, mit zweistelligen, vierstelligen, x-beliebigen Zahlenreihen. Das geht so fünf, sechs Minuten; man hat Zeit, den schwarzen, weiß linierten Bühnenkasten zu studieren: an den Wänden dicht an dicht gemalte Bilderrahmen und Bücherregale, am Boden ebenso Fliesen, im Rücken ein gemalter Vorhang wie für ein Kasperltheater. Rutscht der Vorhang zur Seite, erblicken wir eine als nackt kostümierte Hochschwangere mit sehr langem Haar und Brille. Aus Vorausmeldungen wissen wir: Das muss Frau Zschäpe sein! Zwischen ihr und der Rampe aber haben sich sechs Damen aufgereiht in schwarzen Kleidchen, weißen Kniestrümpfen, dito Handschuhen und Flachsperücken, mit roten Ärmelchen, knackroten Gesichtern und Spitzohren: sechs Teufelchen des Jüngsten Gerichts? Vielleicht sechs Schöffen des endlosen NSU-Gerichts? Ein Mysterienspiel?

Sie reden wirres Zeug, Zusammengeklaubtes aus der Weltliteratur; Sätze von Dichtern, Philosophen, Politikern aus Geschichte und Gegenwart. Ödipus, Kreon, Schillers Räuber, ein Kindertotenlied von Rückert; die RAF zum Proletariat, Graf Arco über seinen Eisner-Mord, Grimms Lügenmärchen ... Zufällig Zugefallenes über Raum und Zeit, Schuld und Sühne. Fundstücke beim Stochern in Bücherschränken, beim Durchblättern der Zeitungen, mit Kleister und Schere collagiert von Olga Bach. Aus 40, 50 Quellen, wie’s grad kam. Was bloße Collage ist, wird verkauft als "Eine Assoziation zum NSU". Mal wird’s gesprochen, gezetert, geflüstert von den sechs Weibsteufelchen, mal raunt es heiser aus Kulissen (und da ist dann die englische Übertitelung sehr hilfreich zum Verstehen), mal wechselt einfach das Licht – ein Höhepunkt an Theatralik, ein Knalleffekt: Die Beleuchtung bedient sich nämlich der alten Tricks des Prager Schwarzen Theaters von dunnemals, bei dem im Lichtwechsel ganze Körperteile verschwanden und vordem rot Gefärbtes plötzlich schwefelgelb erschien.

Das Böse wird auf der Bühne geboren, und siehe: Es hat die Form eines Kürbisses

Ein kindliches Erschrecken, wie einst in der Geisterbahn, befällt uns da und tröstet für Sekunden über das Geschwurbel des Zitatverhaus. Dazwischen marschieren die Damen rhythmisch wie in Ascot beim Galopp, auch gibt’s mal eine kleine Clownerie mit Aktengewühle und Paragrafen-Hin-und-Her (alles nur gestisch), außerdem werden immer wieder Zahlen aufgezählt, minutenlang, einmal erkennbar als Auflistung historischer Daten – auch die freilich ohne "Beweiskraft". Und ist es eine erhellende Assoziation, wenn uns aus dem Off die Herstellung eines Dönerspießes erklärt wird? Wenn – wieder mal – die beliebte Radio-Spießerwerbung der fünfziger Jahre ertönt, wonach der Hausfrauen Glück im Decken eines Abendbrottisches bestehe?

Was treibt bei alldem die nackte Höchstschwangere? Sie meckert und nölt und kreischt und nervt (nicht nur) die Teufelsmädels oder schubst sie schon mal verärgert um. Fällt dann selber um und strampelt und rabäht. So geht das fantasielos und gedankenblass über zwei Stunden hin und macht sich wichtig und ist doch nichtig und mündet endlich, endlich in eine endlose Kreisch-Geburt. Zehn Minuten, gefühlt zwanzig, strampelt, windet, greint und plärrt die Ausgestopfte, bis zwischen ihren (glücklicherweise abgewandten) Beinen mithilfe einer Teufels-Hebamme ein orange leuchtender Kürbis entbunden wird: Rosemarys Baby.

Das Schönste dabei: Die Teufelchen, ätsch, waren gar keine Richter und Schöffen, es ging bei alldem nie um den NSU-Prozess, vielmehr, so entnahm der Rezensent zu spät einem Interview mit Mondtag, waren die Mädels ein Trupp von Raumfahrerinnen, die in die Galaxie entweichen wollten, jedoch an Bord als blonden Passagier "das Böse als Erbe" hatten – so wie einstens der brave Handelsmann Hutter den Grafen Orlok, vulgo Nosferatu, an Bord seines Schiffes von den Karpaten nach Bremen expediert hatte. Merke: Das Böse ist immer und überall!

Zwei Tage später bei Marthaler: Gesang und milder Frohsinn ist bei ihm immer und überall. Auch 243 Meter unterm Spiegel des Alemannischen Meeres, im Bodensee, wo sein Stück spielt, im Tiefen Schweb, einer "Klausurdruckkammer", worein sich ein Behördenausschuss begeben hat, um die Oberfläche des Sees neu zu ordnen. Denn dort, im Dreiländerzipfel, sind ausgemusterte Dampfer als Asyle für außereuropäische Existenzen vertäut und bedrohen den Tourismus und manches mehr.

Der Raum ist somit ideal für Marthalers Welt, die keine Fenster kennt. Duri Bischoff hat eine rundum eichengetäfelte "Zirbelstube" über Eck auf die Kammerspielbühne gebaut, vorn rechts einen Stammtisch mit rustikalen Wirtshausstühlen hingestellt und hinten ins Eck einen monströs gemütlichen Kachelofen in Grün. Dessen Kuppel stellt sich als taugliche U-Boot-Ausstiegsluke heraus, wenn Meldegänger wie Heinzelmännchen ins Lokal klettern, später gar Reihen Fremdländischer in Trachten, die schuhplattelnd oder schwer an ihrem Kopfputz tragend die Amtsstube durchschreiten, in der Wandtäfelung verschwinden und – neu eingekleidet – alsbald wieder aus dem Ofenturm steigen. Versteht sich, dass sie, ob sie nun Beamte oder Fremde sind, gern in Gesang verfallen, mit Oh mein Heimatland heben sie vernünftigerweise an, zart und herzergreifend, später zollen sie unsrem Luther und ihrem Alpenfestungsreduit Respekt mit Ein’ feste Burg ist unser Gott, bringen Schwung in das gelegentlich allzu sinnfreie Treiben dieser Beamten von Seldwyla, indem sie jubilierend die Fischerin vom Bodensee (bekanntlich eine schöne Maid, juchhe) hochleben lassen, und kümmern sich dann wieder artig um Verordnungen und Regulierungen, die zwischen Loriot und Valentin schlingern. Dann singen drei Herren in übern Kopf gestülpte Pissbecken, später dreschen sie auf drei Hammondorgeln und singen röhrend Rocklieder und Schmelzendes dazu, wunderbar bescheuert.

Diesen Bodensee-Albersinn muss man einfach lieb haben

Man könnte einwenden, dass Marthaler und seinem Dramaturgen Malte Ubenauf nichts sonderlich Erhellendes zum Thema (welchem Thema?) eingefallen ist; dies aber auf durchaus drollige, amüsante und einfach herzerwärmende Art. Man muss diesen Albersinn einfach lieb haben, muss die sich ereifernden Schauspieler (Walter Hess, Stefan Merki, Annette Paulmann, Hassan Akkouch vor allem) bekichern und sich immer dabei sagen: endlich mal wieder ein Unsinn in den Kammerspielen, der den Aufwand wert ist.