Weihnachten 2016. Familienfeier im Haus meines Vaters in Münster. Tanten, Onkel, meine Cousins und Cousinen fläzen in der Sofaecke. Mein 95-jähriger schmächtiger Opa ist aus einem Nickerchen im Sessel erwacht. Vor mir sitzen mein Vater Matthias und meine Tante Barbara. Sie weint, als sie ihren Kindern erzählt, worum es jetzt in unserem Gespräch gehen soll. Aber beide möchten erzählen. Damit dieser Teil ihrer Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. Ich habe sie schon oft gehört, aber heute will ich alle Details wissen.

Dortmund-Marten. Frühjahr 1967. Voller Vorfreude besteigen mein neunjähriger Vater und seine sechsjährige Schwester den Zug nach Sylt. Am Meer sollen sie sich vom verrußten Ruhrpott erholen und zunehmen. Ihr Vater will ihnen mit der Kinderkur etwas Gutes tun. Denn er war selbst 1938 über das Eisenbahn-Sozialwerk nach Norderney verschickt worden: Er konnte dort schwimmen, bekam gutes Essen. Eine solche schöne Zeit wünscht er auch seinen Kindern.

Als der Zug losfährt, winken die Eltern ihren Kindern nach, sie ahnen nicht, dass für diese ein sechswöchiger Albtraum beginnt. Mit im Gepäck tragen die Geschwister Hemdchen und Höschen mit ihren Namen. Acht Wochen lang hat ihre Mutter Gertrude daran gestickt. Doch in Wenningstedt angekommen, werden die Kinder zu Namenlosen.

Der kleine Matthias wird von seiner Schwester getrennt. Das Zimmer muss er sich mit Jungen im Alter von bis zu 18 Jahren teilen. Einige befriedigen sich vor seinen Augen selbst. "Dafür hatte ich keinen Plan, kein Auge, keinen Sinn!", sagt mein Vater.

Die anderen Kinder sind hilflos wie er. Es gibt niemanden, bei dem er sich beschweren kann. Nachts kommen die Erzieherinnen in die Betten der älteren Jungen. Mein Vater drückt sich in die Kissen, um nichts hören und sehen zu müssen. Sein einziger Trost sind die Spaziergänge am Strand. Jedes Kind muss den Knoten eines Seils festhalten – wie in einem Straflager.

So wie mein Vater Matthias und meine Tante Barbara wurden in den Fünfziger- und Sechzigerjahren viele Kinder Opfer von Missbrauch und Gewalt – in Kinderheimen, psychiatrischen Einrichtungen und im Elternhaus. Seit 2010 werden diese Fälle zunehmend aufgearbeitet. Es wurde ein Heimkinderfonds eingerichtet, zudem hat die katholische Kirche ihre Regeln beim Thema Missbrauch massiv verschärft.

Außerdem hat die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung von Kindesmissbrauch im Juni einen ersten Zwischenbericht vorgelegt, den der zuständige Beauftragte der Regierung, Johannes-Wilhelm Rörig, "tief erschütternd" nennt. Doch es gibt noch immer blinde Flecke in der historischen Einordnung, zu denen besonders die Kinderkuren gehören.

Auch meine Tante litt in der Kinderkur. Die kleine Barbara sieht ihren Bruder nur aus der Ferne bei den Mahlzeiten. Sie wird zum Essen gezwungen. Dreimal am Tag muss sie einen großen Teller Schokoladenpuddingsuppe auslöffeln, obwohl sie Süßes verabscheut. Erst danach kommt das Hauptgericht. "Ich habe meinen Aufenthalt dort als sehr grausam erlebt", sagt meine Tante.

Gehorchen die Kinder nicht, setzt es eine Isolationsstrafe. Für die kleine Barbara ist das die schlimmste Züchtigungsmaßnahme. Sie teilt ihr Zimmer mit einem Mädchen, das Bettnässerin ist. Jede Nacht prüft eine Erzieherin die Bettdecke. Hat die Kleine ins Bett gemacht, muss sie den Rest der Nacht auf einer Truhe im Flur sitzend verbringen. Allein in der Kälte, mit der nassen Hose. Als meine Tante an Mumps erkrankt und hohes Fieber bekommt, wird sie isoliert und fast den ganzen Tag allein gelassen. Auch das Süßigkeitenpäckchen ihrer Eltern zu ihrem siebten Geburtstag nehmen die Erzieherinnen ihr weg, weil sie dafür noch zu klein sei. "Es gab keine vertraute Person. Die waren alle kaltherzig und im Grunde grausam", sagt meine Tante.