Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

An der Baseler Barfüssergasse steht eine Kirche, die auf meinem Stadtplan nicht verzeichnet ist, statt ihrer ist das Theater vermerkt, das ihr als touristische Attraktion offenbar den Rang abgelaufen hat. Die neugotische Elisabethenkirche ist Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut, ihr Stifter wünschte sich ein "Mahnmal wider den Ungeist der Zeit", die Entchristlichung.

1980 stand sie im Weg und sollte abgerissen werden. Nun gibt es diese bürgerliche Koexistenz: Ihr ganz nahe steht das Theater, ohne ehrfürchtige Distanz, gleichrangig. Nahebei ein großes Programmkino, der Konzertsaal, die Kunsthalle. Hier ist der Ort der Selbstvergewisserung, so denke ich mir, in einer Bürgerstadt, die gewohnt ist, die eigenen Belange in eigenen kultischen Räumen zu verhandelt. Selbstbewusst an die Kirche gerückt,die ihre alleinige Zuständigkeit in den großen Menschheitsfragen verloren hat. Sie wird erhalten, zählt aber nicht zu den wichtigen Räumen des aufgeklärten Bürgertums, das hier ins Theater, ins Kino oder ins Konzert geht.

Was sich neben der Kirche als Kultus geriert, leistet sich allerdings auch beliebige Gesten und Formen: "Ungestalt" heißt die Ausstellung in der berühmten Kunsthalle, die hohen, hellen Räume dienen offenbaren Nichtigkeiten, von denen behauptet wird, dass sie "mit der Gestalt ringen" würden oder "plump und hässlich oder gar monströs erscheinen". Mir machen sie einen aufwendig vermüllten Eindruck, als wollten sie das bloße Gegenteil der glatten Warenoberflächen zeigen, austauschbar gegen alles andere, was sich auf der nächstbesten Halde finden ließe. Ehrlich ratlos, immerhin. Anders ratlos als der romantische Rückgriff auf christliche Gültigkeiten, die neugotische Behauptung nebenan: In ihren variablen Nutzungen ragt die Elisabethenkirche als offener Leerraum in den Strom der Zeit.

Es ist heiß, ich sitze im Schatten bei diesem Fasnachts-Brunnen, einer Touristenattraktion: Die drolligen Maschinchen löffeln und patschen mit dem Wasser herum, durchgeknallte Gießkännlein und Küchenkellen. Ich kann an der angestrengten Alberei kein Gefallen finden. Nirgends darf das Wasser strömen, fallen, stillestehen. Mir ist, als würde das Element nicht ernst genommen. Überall in der Stadt gibt es Trinkbrunnen, in dünnem Faden fällt das kostbare Nass, eine heitere, ernste Sache. Wie eine Taufe ernst und heiter ist.

Auf meinem Weg hinunter an den Rhein sehe ich Reste der "Art Basel": Was ist hier ehrlich, was ist aufgesetzt, was ist nur Alberei? Ganz und gar unerbaut vertrau ich mich dem Strom an, der mich mitnimmt, ohne dass ich mich noch anzustrengen hätte.