In Lindau haben die Dinge ihre Ordnung. Menschen mit orangefarbenem Bändel um den Hals wissen, wo es langgeht. Gelbe Bändel machen Fotos. Orange und Gelb sieht man hier zuhauf. Rar und wertvoll ist das türkisfarbene Bändel, nur 28 Leute tragen eines: die Nobelpreisträger. Zum 67. Mal treffen sich in dieser Woche die Genialsten ihres Faches am Bodensee zur Lindauer Nobelpreisträgertagung, in diesem Jahr sind es die Chemiker. Eine Woche Freiheit schenkt man ihnen und 420 Nachwuchswissenschaftlern aus aller Welt (sie tragen übrigens graue Bändel), um in Gesprächen über Wissenschaft und die Welt zu schwelgen. Einziger Auftrag: Inspiriert einander!

Diese Woche ist ein Juwel. In einer Zeit, in der Wissenschaftler häufiger von Publikationsdruck, befristeten Stellen und kapitalistischen Bildungssystemen erzählen als von ihrer Erkenntnislust, wird sie zur Enklave für all jene, die allein mit der Kraft ihres Intellekts den Horizont dieser Welt erweitern.

Doch etwas ist in Unordnung geraten. In Lindau, diesem Mini-Labor der globalen Wissenschaftsgemeinde, ist eine ungeheure Verunsicherung zu spüren, Ratlosigkeit mithin: Wie konnte es passieren, dass die nobelpreisveredelte Wissenschaft nach außen wie eine entrückte Parallelgesellschaft wirkt? Dass den Erkenntnissen der großen Geister nicht der Respekt gezollt wird, der ihnen zusteht? Vor einem Jahr sei die Welt noch ganz anders gewesen, hört man. Und jetzt – kaum ein Gespräch ohne Zeitdiagnose: Donald Trump hat das Klimaabkommen aufgekündigt, Recep Tayyip Erdoğan die Evolutionstheorie von den Lehrplänen gestrichen, der Brexit schüttelt die EU durch, wegen der Impfgegner sterben Kinder wieder an Masern, und den steigenden Meeresspiegel halten manche für Ansichtssache. "Absolut irrational" sei das alles, sagt Mario Molina auf einem Podium. Dass jemand die Existenz des Klimawandels leugnet, will ihm einfach nicht in den Kopf. Molina war 1995 von der Schwedischen Akademie für die Erforschung des Ozonlochs ausgezeichnet worden.

Die Geschichte des Lindauer Nobel-Treffens ist eine Geschichte des politischen Verantwortungsbewusstseins von Wissenschaft. 1951 fand es erstmals statt, als Reaktion auf die globalen Verwerfungen des Zweiten Weltkriegs. Man wollte die versöhnende Kraft grenzüberschreitender Forschung stärken, und bereits seit 1954 dürfen deswegen auch junge Wissenschaftler aus aller Welt teilnehmen. Sie ihrer Bedeutsamkeit zu versichern und anschließend wieder an die Universitäten dieser Welt auszusenden ist eine radikale Wette auf die Gestaltungsfähigkeit der Zukunft. Als nichts weniger als ein "Unterpfand für diplomatische Beziehungen" bezeichnet Forschungsministerin Johanna Wanka die jungen Leute daher. Am sechsten Tagungstag, Freitag, werden die Nobelpreisträger wie in jedem Jahr eine Bootsfahrt auf die Insel Mainau unternehmen. 1955 initiierten sie dort die erste Mainauer Deklaration gegen die Nutzung von Nuklearwaffen; 2015 folgte eine zweite, in der sie vor der Erderwärmung warnten.

Auch William E. Moerner hat sie unterzeichnet. 2014 hatte der Stanford-Professor mit zwei Kollegen den Chemie-Nobelpreis erhalten, für die Erforschung hochauflösender Fluoreszenz-Mikroskopie. Seitdem fragt er sich, ob große Appelle die richtige Strategie für die Wissenschaft sind. Moerner, vier Kugelschreiber in der Brusttasche, sagt: "Wir müssen viel mehr erklären, wie Wissenschaft funktioniert. Und zwar zuerst unserer Familie, unseren Freunden. Denen, die uns nahestehen." Statt Hochglanzforschung im Endstadium zu präsentieren ("Wissenschaftler heilen Krebs!"), müsse man der Öffentlichkeit den Alltag des Forschens näherbringen, glaubt er. Das Messen und Berechnen, das statistische Abwägen von Wahrscheinlichkeiten. Nahbarkeit als Guerilla-Taktik.

Lindau fährt aus ebendiesem Grund die volle Kommunikationsoffensive. Anders geht es auch nicht, wie die diesjährigen Schwerpunktthemen zeigen. Big Data, grüne Chemie, molekulare Maschinen – unkomplizierter wird’s nicht, die Forschung rast gen Zukunft. Es gibt daher einen Wissenschafts-Wanderpfad und eine Grillparty mit der Lindauer Bevölkerung, es wird gebloggt und getwittert. Doch die Tatsache, dass man kommuniziert, suspendiert noch nicht die Frage, was man kommuniziert – und wer "die Wissenschaft" eigentlich ist. Warum verdient sie die Aufmerksamkeit, das Vertrauen und Geld all derjenigen, deren Beruf nicht die Erkenntnisgewinnung ist, die aber trotzdem danach ihr Leben ausrichten sollen?

In Lindau kann man beobachten, wie sich an dieser Frage ein Grundproblem dieser als neu empfundenen Vertrauenskrise zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit entzündet: dass nämlich auch die Forscherinnen und Forscher in ihre eigenen Echokammern gebannt sind. Ob in Vorträgen im prunken Stadttheater, beim ungezwungenen Science-Frühstück oder beim Spaziergang auf der Hafenpromenade, immer wieder fällt der Satz, dass die Wissenschaft die "Wahrheit" zu bieten habe; sehr überzeugt ist man von der Analyse, dass die Menschheit plötzlich nur noch auf "Gefühle statt Fakten" höre; gewiss scheint, dass man nur endlich "verständlich sprechen" müsse, um die Öffentlichkeit von der Relevanz der Wissenschaft zu überzeugen. Je mantraartiger diese Analysen vorgetragen werden, umso mehr erstarrt der Wissenschaftsbegriff, unter dem man sich in Lindau als Gemeinschaft formiert. Er ist rein naturwissenschaftlich entworfen, radikal positivistisch und damit wenig offen für das, was der Laureat Bernard Feringa von der Universität Groningen in einem Vortrag als wichtigste Voraussetzung wissenschaftlichen Arbeitens bezeichnet hatte: das Fragezeichen.