Adornos Aphorismus "Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen" ist zwar berühmt, doch wird er selten beherzigt. Ich sagen zu können – und zwar nicht einfach so, sondern mit Aplomb – scheint eine Forderung unserer Zeit zu sein, in der es darauf ankommt, seinen sozialen Platz zu erkämpfen und zu behaupten. Ichverwirklichung gilt sogar als Erziehungsziel. Die Unverschämtheit kann erlernt werden.

In der Literatur hat das Ich-Sagen eine große Tradition. Eigentlich fängt das Schreiben damit an. Doch muss man sich klarmachen, dass das literarische Ich immer eine Konstruktion ist. So wie das Ich des Schauspielkünstlers auf der Bühne nicht identisch ist mit seinem Ich, das er morgens im Spiegel betrachtet, so ist das Ich des Dichters in seinem Text ein anderes als das alltägliche. "Ich kam zu York im Jahr 1632 zur Welt." So lässt Daniel Defoe seinen Robinson Crusoe beginnen. Es ist damit aber weder Defoe gemeint noch jener historische Alexander Selkirk, der die Vorlage des Robinson war. In Wahrheit hat Defoe (nahezu) alles erfunden.

Das Ich in der Literatur erfordert eine gewisse Erfindungsgabe und einen inszenatorischen Aufwand. Die meisten Romane der Weltliteratur sind denn auch in der dritten Person geschrieben, sodass eine Verwechslung des Helden mit dem Autor ausgeschlossen ist. Das ließ dann zum Beispiel Gustave Flaubert immer noch die Freiheit, zu sagen: "Madame Bovary, das bin ich."

Karl Ove Knausgård hat in seinem autobiografischen Romanzyklus Min Kamp auf viereinhalbtausend Seiten unzählige Male "ich" gesagt. Obwohl dieses Ich dem des Autors ziemlich nahe kommt, so ist es doch zugleich ein literarisch überhöhtes Ich, das sich in dem historischen und philosophischen Raum, den es diskutierend eröffnet, selber vervielfältigt. Das muss man erst mal können, und jungen Autoren, die beherzt zum "Ich" greifen, um mit sich und der Welt schreibend ins Reine zu kommen, sollte man dazu raten, diese Hürde zu meiden und lieber eine andere Person zu erfinden.

Der Dichter Peter Rühmkorf, der sich mit solchen Dingen auskannte, hat mal geschrieben: "Wenn ich mal richtig ICH sag, / wieviele da wohl noch mitreden können?! / Einspruch? Nichtsda. / ’N Ich hat irgendwie jeder ..."