Als ich klein war, sagt der Sohn, war Papa der Coolste: er mein Sherlock Holmes und ich sein Dr. Watson, immer an seiner Seite. Sherlock Holmes sagte zu Watson: Wenn du Fragen hast, frag. Es gibt keine doofen Fragen. Also fragte Watson, und Holmes hatte immer eine Antwort.

Papa war ein Held, sagt der Sohn.

Lob mich nicht zu hoch, sagt der Vater.

Wie ein Berg war er, sagt der Sohn, ich dachte, den kann nichts umstoßen. Er schaut zum Vater, der neben ihm sitzt, in einem Café in Berlin-Kreuzberg. Wir waren immer so verbunden, dass uns das dann trennte ... Er zögert.

Ich habe nicht genug aufgepasst, sagt der Vater, das ist mir ein Dorn im Auge. Nein, ein Dorn im Herzen.

Der Vater, Metin, 48, wurde in der Türkei geboren, im Alter von zwei Jahren kam er nach Deutschland, studierte, arbeitete als Manager in Führungspositionen, auch im Ausland. Der Sohn, Fahri, 25, geboren in Deutschland, übersprang eine Klasse in der Grundschule, weil er schon Lesen gelernt hatte, als sein Bruder, zwei Jahre älter, es noch lernte. Ich hätte ein Einserabitur haben können, sagt der Sohn, aber dann schmiss ich zwei Monate vor den Prüfungen hin. Wofür, Papa, brauch ich das Abitur, fragte er, wofür, Papa, wenn doch die Welt untergeht?

Um mich auf den Weltuntergang vorzubereiten, sagt der Sohn, kaufte ich mir einen Schlafsack, eine Isomatte und ein Messer.

Hätte ich ihn bloß nicht in diese Gemeinschaft reingebracht, sagt der Vater, diese Gemeinschaft, die ihm all diese Gedanken implementierte.

Ich habe so viel verloren, sagt der Sohn. Ich will, nachdem dieser Text erscheint, nicht darauf angesprochen werden.

Um sich zu schützen, haben Vater und Sohn beschlossen, dass hier nicht ihre wahren Namen stehen sollen, auch nicht der wahre Name der Gemeinschaft, aus der sie sich erst wieder befreien mussten: eines islamischen Sufi-Ordens.

Aber ich möchte nicht, sagt der Sohn, dass andere genauso viel verlieren, diese Erzählung soll eine Schablone sein. Vielleicht wachen andere, die das hier lesen, schneller auf.

Hätt ich ihn bloß nicht reingebracht, wiederholt der Vater, ich mache mir so viele Vorwürfe.

Es war ja nicht aus Lust und Laune, sagt der Sohn.

Es war ein Scheitern, mit dem alles begann. Die Familie zog, fast zwölf Jahre ist das her, von Berlin nach Ankara. Metin hatte dort bei einem deutschen Unternehmen einen Posten in der Geschäftsleitung bekommen, ein Win-Win für alle, dachte er. Seine Frau hatte sich in Deutschland nie richtig wohlgefühlt, dort würde sie einen Chauffeur haben, sie würden schön ausgehen und mit dem Gouverneur befreundet sein. Die Söhne waren noch jung, zwölf und vierzehn, Türkisch hatte er ihnen beigebracht.

Nach ein paar Monaten in der Türkei sagte Fahri aber zu Metin: Weißt du was, Papa, für deine Karriere hast du unsere Karriere geopfert. Er und sein Bruder kamen im Unterricht nicht mit, der Rektor riet Metin: Wenn aus Ihren Jungs was werden soll, schicken Sie sie zurück nach Deutschland. Sie sind klug, aber ihr Türkisch ist zu schlecht. Nach eineinhalb Jahren verließ die Familie die Türkei wieder. Sie zog in eine Altbauwohnung, Berlin-Neukölln, vier Zimmer, Hinterhof, Stuck unter der Decke. Sechs Wochen ging Metin nicht aus dem Haus, er hatte Angst, dass er in den Augen der anderen sehen würde, was drinnen immerzu gegen seinen Kopf hämmerte: Du bist gescheitert, du Loser.

Ich fragte Papa mal, wie es ihm geht, sagt der Sohn, und er meinte, gut. Sein Blick war aber anders: sehr leer und zugleich sehr kontrollierend. Er hatte ja mal 500 Mitarbeiter geführt, er sieht alles. Zu Hause war also viel dicke Luft, und in der Schule waren unsere alten Freunde nicht mehr unsere Freunde. Aus diesem Tief machten mein Bruder und ich ein religiöses Hoch. Fünfmal beteten wir am Tag, wir hielten uns daran fest.

Wir haben gebetet, um unsere Familie als Kollektiv in den schwierigen Zeiten zu stärken, sagt der Vater, vorher hatten wir das nie gemacht.

Du warst dein Leben lang immer oben, sagt der Sohn, und dann katapultierte dich das Schicksal nach unten, auch du brauchtest Halt.

Ja, sagt der Vater, ich vertraute mich meiner Schwester an, und sie riet: Wir gehen in den Sufi-Orden, da wärst auch du gut aufgehoben.