Die Geschichte des unglücklichen Mr. Warmbier, der als Tourist nach Nordkorea fuhr und als Komapatient nach anderthalb Jahren Gefangenschaft in die USA heimkehrte, wirft nicht nur ein Licht auf die Schattenwelt des sozialistischen Schurkenstaates. Sie beleuchtet auch eine Schattenwelt des modernen Fremdenverkehrs: die organisierte Abenteuer- und Gruselreise ins Reich des Bösen.

Der Student war mit einer Touristengruppe der Young Pioneer Tours unterwegs; schon der Name des Reiseunternehmens, der mit einem klassischen Stereotyp des Sozialismus spielt ("Junge Pioniere"), offenbarte den frivolen Zweck der Expedition. Denn worin besteht der Reiz Nordkoreas? Das Land bietet die letzte Chance, noch einmal live zu erleben, was einst überall hinter dem Eisernen Vorhang herrschte, die ganze Folklore von Tristesse, Mangelwirtschaft, Polizeistaat und schreiend komischem, überbuntem Propagandazuckerwerk.

Nicht zufällig werben auch die deutschen Anbieter von Nordkorea-Reisen mit den knallfarbigen Aufmärschen und Massenchoreografien zu hohen Festtagen des Regimes. Ein zweibändiger Architekturführer zu den trostlosesten Gebäuden und bizarrsten Propagandabauten Pjöngjangs avancierte hierzulande schon vor Jahren zum Partygesprächsknüller. Der Schweizer Popliterat Christian Kracht hat 2006 mit Freunden zusammen Nordkorea für einen Bildband fotografiert, der sich an den kuriosen Inszenierungen regelrecht berauscht.

Nur der amerikanische Student scheint den Amüsierzweck der Reise allzu handgreiflich interpretiert zu haben. In Pjöngjang hat er ein Propagandabild von der Hotelwand gerissen und wohl als besonders lustiges Souvenir mitnehmen wollen. Den Schauprozess, der ihm daraufhin gemacht wurde, krönte eine Pressekonferenz, auf der er unter Tränen erzählte, ein Freund in den USA habe ihm ein Auto im Wert von zehntausend Dollar versprochen, wenn er ein solches Plakat für ihn beschaffe.

Fünfzehn Jahre Arbeitslager scheinen allerdings auch nach humorlosesten sozialistischen Maßstäben etwas übertrieben für die pennälerhafte Tat. Eine Rolle mag gespielt haben, dass auf dem Plakat, das übrigens enttäuschenderweise keine Jungen Pioniere, sondern nur Schriftzeichen zeigte, eine Huldigung an den Staatsführer formuliert war. Majestätsbeleidigung ist in jeder Diktatur ein Schwerverbrechen. Kaum beabsichtigt dürfte gewesen sein, dass Warmbier in der Haft, warum auch immer, ins Koma fiel und nach seiner Überstellung in die Heimat starb. Die faktische Todesstrafe für eine bloße Ungezogenheit bestätigt aber eine andere Logik. Es ist keine politische, schon gar keine juristische. Sie liegt vielmehr gerade in der grausamen Maßlosigkeit, die uns so verstört.

Vielleicht aber nur zu verstören scheint. Es ist die Logik der westlichen Gruselerwartung. Denn niemand wird im Ernst behaupten wollen, dass die landschaftlichen Schönheiten, die es natürlich auch gibt, nach Nordkorea locken oder allein die sozialistische Peepshow oder gar die Entdeckung eines überraschend normalen Alltags, von dem die Reiseprospekte heuchlerisch sprechen. In Wahrheit ist es Schauerromantik, die in den Schurkenstaat lockt – nicht das Absehen von dem Risiko, sondern die Suche nach dem Risiko, nicht das Ausblenden des Polizeistaates, sondern das genießerische Bewusstsein seiner Bedrohlichkeit. Nordkorea-Reisen sind besser als Bungee-Jumping. Sie sind wie Bungee-Jumping mit zugesichert unsicherer Reißfestigkeit des Seils – höchstwahrscheinlich stürzt man nicht ab, aber möglich wäre es.

Die Young Pioneer Tours haben inzwischen erklärt, auf absehbare Zeit keine Amerikaner mehr nach Nordkorea zu bringen. Genauso verständlich ist allerdings, wenn deutsche Veranstalter jetzt erst recht an ihrem Reiseangebot festhalten. Natürlich "werden vor der Reise sämtliche Teilnehmer über die politische Situation im Land, über notwendige Vorsichtsmaßnahmen sowie die unbedingt einzuhaltenden Regeln informiert. So versuchen wir sicherzustellen, dass sich jeder systemkonform verhält und keiner versehentlich oder unbedarft einen Fehler begeht" (China Hansa Travel). Damit sind sozusagen die technischen Spezifika des Bungee-Jumping-Seils für den Nordkorea-Besuch formuliert. In der Erwähnung "versehentlicher" oder "unbedarfter" Fehler liegt das Eingeständnis der begrenzten Reißfestigkeit – beziehungsweise die eigentliche Werbeaussage.