Küssen die sich etwa gleich? Jan Sosniok ist gerade als Winnetou durch die Ränge der Zuschauertribüne auf die Bühne geritten. Dort wird Old Surehand (Alexander Klaws) von Indianern festgehalten, weil er ihren Häuptling erschossen haben soll. Winnetou legt ein gutes Wort für ihn ein, hört aber keiner – sein Mikrofon geht nicht. Also geht er ganz nah an Old Surehands Gesicht heran, damit dessen Mikro den Ton abnimmt, und spricht dabei blumige Dinge über den weißen Mann. Das funktioniert, sieht aber ziemlich lustig aus, die Leute lachen, auch Sıla Şahin als Lea-tshina muss sich zusammenreißen. Zum Glück kommt bald ein Cowboy mit neuem Mikro.

Es hat manchmal ein bisschen geruckelt bei der Premiere von Old Surehand am vergangenen Samstag in Bad Segeberg. Macht aber nichts, denn darum geht es ja bei den Karl-May-Festspielen: Ihre Darsteller geben alles, die Zuschauer vergeben alles, und wenn man ein paar Sätze verpasst, macht das auch nichts – es ist schließlich nicht René Pollesch mit Steigbügel, sondern Unterhaltungsliteratur aus dem 19. Jahrhundert.

Die Handlung ist zugänglich: Der weiße Mann will den Indianern ihre Bodenschätze abluchsen, und tapfere Krieger schwören Rache für ihren toten Häuptling. Dazwischen schwelt eine Romanze zwischen Lea-tshina und Old Surehand, am Schluss wird noch ein Familiengeheimnis gelüftet. "An die Sprache musste ich mich gewöhnen – ich rede Old Surehand in der dritten Person an, da wirst du ein bisschen bekloppt", sagt Sıla Şahin (Gute Zeiten, schlechte Zeiten) einige Tage vor der Premiere. "Alex und ich mussten bei den Dialogen manchmal lachen, weil die Liebesbekenntnisse so absurd klangen." Als wäre Klaws, 33, nicht schon genug gefordert: Gerade hat er noch in Oberhausen als Tarzan an der Liane gebaumelt, jetzt sitzt er die meiste Zeit im Sattel oder schlägt sich mit Halunken herum. "Ich hatte seit Dezember parallel zu Tarzan Reitstunden, es klappt schon sehr gut", sagt er. "Aber man darf nie vergessen, wie viel Kraft ein Pferd hat: Auf der Bühne schießen wir mit Flinten und Revolvern, und wenn das Tier sich aufbäumt oder mit mir durchgeht, dann wird’s ungemütlich."

Man darf sich fragen, warum so viel geschossen wird, warum jemand einen Tomahawk anzündet, bevor er ihn einem anderen an den Kopf wirft, und die beste Antwort ist vielleicht eine Gegenfrage: Hey, warum nicht? Es wird alle paar Minuten irgendwo gezündelt, dazwischen galoppieren 25 Pferde, auch ein Adler und zwei Bussarde spielen mit, mehrmals drehen sie dicht über den Köpfen der Zuschauer ihre Runden.

All das ist natürlich Narretei, aber es gibt der Darbietung auch etwas Kultisches: Mit Genuss kauen die Besucher ihre mitgebrachten Brote, während auf der Bühne rituelle Handlungen vollzogen werden, begleitet von Feuerzauber und wildem Getier, das sich dem Willen des Menschen unterwirft. Die Zuschauer zucken bei den Explosionen zusammen, sie können das Schießpulver riechen und dem Adler ganz kurz in die Augen schauen: Das hat eine Sinnlichkeit, die bekommt man mit Netflix nicht hin. Es ist, wenn man so will, ein Sattelfest.

Gleichwohl könnte Old Surehand etwas schal werden, wäre da nicht Mathieu Carrière als durchtriebener General Douglas. Seine volle, präzise Stimme füllt die Arena wie keine andere, er spricht mit der eleganten Bosheit eines Mannes, den alle mal kreuzweise können, vielleicht spiegelt das den 67-jährigen Carrière ganz gut wider.

1966 spielte er unter der Regie von Volker Schlöndorff die Hauptrolle in Der junge Törless, er hat mit Romy Schneider und mit Brigitte Bardot gearbeitet, in Bad Segeberg stand er im Jahr 2000 schon mal auf der Bühne. Ist er gern wieder hier? "Für mich ist es, als träfe ich eine alte Geliebte wieder, die ich immer noch geil finde", sagt er. Findet die ihn denn auch geil? "Das ist nicht so wichtig. Ich bin ja derjenige, der 72-mal drübersteigen muss, und das macht mir großen Spaß." Vom Lustgewinn mal abgesehen: Sieht Carrière im Old Surehand eine Ebene, die über Bespaßung hinausgeht? "So ein Stück hat einen pädagogischen Wert", sagt Carrière. Old Surehand erfährt, dass der neue Häuptling sein Halbbruder ist – es entsteht eine neue Brücke zur Verständigung zwischen Indianern und Weißen. "Kinder sehen hier, dass man Konflikte nicht mit Gewalt lösen muss, dass man miteinander reden und sich annähern kann."

Am Schluss der Premiere kommen die Kinder an den Rand der Bühne und dürfen aus der Nähe zusehen, wie die Stars auf ihren Pferden eine letzte Runde drehen. Dann gibt es ein großes Feuerwerk, Alexander Klaws singt dazu seinen Hit Free Like The Wind, Konfettikanonen schleudern metallisch glitzernde Luftschlangen ins Publikum. Im Zug in Richtung Bad Oldesloe sitzt später eine Frau mit ihrer Tochter, vielleicht acht Jahre alt, die greift tief in eine Papiertüte und holt ein dickes Knäuel aus ebenjenen Luftschlangen hervor. "Hänge ich in meinem Zimmer auf", sagt sie strahlend, und sie wird garantiert ihren Freundinnen davon erzählen. Man mag dem Stück eine gewisse Banalität vorwerfen, aber es begeistert Kinder fürs Theater, und das allein ist den ganzen Zirkus wert.

"Old Surehand", bis 3. September, donnerstags bis samstags 15 Uhr und 20 Uhr, sonntags 15 Uhr