Unvergessen die Podiumsdiskussion im November 2014, Thalia in der Gaußstraße, Thema: "Waffen für den Frieden? Der Hamburger Hafen als Umschlagplatz". Unvergessen, wie er da saß, der Blick einen Tick zu verschmitzt für das Podium, die Eleganz ein Stückchen zu nachlässig, die Haltung einen Schlag zu entspannt.

Unvergessen erst recht, wie er Partei ergriff in dieser Debatte: nicht etwa die des Mannes zu seiner Rechten, des Unternehmers und ehemaligen Wirtschaftssenators Ian Karan. Sondern die der Menschen zu seiner Linken, einer Berliner Friedensaktivistin etwa oder des Linken-Politikers Jan van Aken, dieser Tage vor allem als Anmelder einer von der Polizei als hochsensibel eingestuften Anti-G20-Demo bekannt.

Peter Krämer war Reeder und Millionär, der zutiefst konservativen Schifffahrtsbranche in zweiter Generation verbunden. Und saß dort oben, auf dem Podium, und wetterte gegen Waffenexporte, gegen zu lasche Exportgesetze, gegen gewissenlose Unternehmer – auch gegen gewissenlose Reeder. "Ich habe relativ wenig Freunde unter Reedern. Ich kenne so viele interessante Politiker, Journalisten, Ärzte und Geistliche, da brauche ich nicht auch noch meine Berufskollegen", hatte er im vergangenen Juni der ZEIT gesagt. Etwas anderes blieb ihm auch gar nicht übrig.

Peter Krämer war eine Ausnahmeerscheinung, über seine Branche hinaus. Ein Linker, ein Andersdenker, ein Außenseiter. "Roter Reeder", so lautete sein Spitzname, der freundlich gemeint war, den er aber nicht liebte. "Ach, diese politischen Farbenspiele. Schrecklich", pflegte er dazu auf Nachfrage zu sagen, um dann sehr viel Rotes hinzuzufügen. "Die meisten Menschen sind nicht reich, weil sie großzügig sind, im Gegenteil", sagte er zum Beispiel 2016 im Gespräch mit der ZEIT.

Peter Krämer war großzügig.

1950 geboren, wuchs er in Hamburg-Volksdorf auf. Er studierte Jura, stieg 1982 in die Geschäfte seines Vaters ein und verwandelte die zwei kurz vor der Insolvenz stehenden Familienunternehmen Marine Service GmbH und Chemikalien Seetransport GmbH in eine der weltgrößten Tankschiff-Flotten. Seine Schiffe benannte er nach Freiheitskämpfern, Sophie Scholl, Hans Scholl, Simón Bolívar.

Politisch bekannt wurde Peter Krämer einer breiten Öffentlichkeit 2003, als er die Demonstration gegen den Einmarsch in den Irak unterstützte. In dem Zuge gründete er, unter anderem zusammen mit Ex-Bürgermeister Henning Voscherau (SPD), die Hamburger Gesellschaft zur Förderung der Demokratie und des Völkerrechts. Zwei Jahre später erregte Krämer Aufmerksamkeit als Mitunterzeichner eines offenen Briefs an die Bundeskanzlerin und ihren damaligen Vizekanzler. "Sehr geehrte Frau Merkel, sehr geehrter Herr Müntefering, Deutschland braucht exzellente Lehrer, bessere Schulen und eine gute Kinderbetreuung – aber kein Steuerparadies für Reiche mitten in Europa. Tun Sie endlich etwas!", hieß es darin. Und daran schloss sich die Forderung an: "Belasten Sie die Vermögenden, statt den Arbeitnehmern und Rentnern weitere Opfer abzuverlangen!"

Aber Krämer war nicht nur streitlustig, er war auch umstritten: Im Widerspruch zu seinen eigenen Forderungen nach Belastungen für Vermögende stand, so kritisierte die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di 2007, dass Krämer seine Schiffe unter liberianischer Flagge fahren, aber ins deutsche Schiffsregister eintragen ließ und damit von der günstigen deutschen Tonnagesteuer profitierte. Jahre später musste Krämer sich gegen Vorwürfe der Steuerhinterziehung durch eine seiner Tochtergesellschaften wehren, die er stets zurückwies.

"Eigentum verpflichtet", betonte Krämer immer wieder. 2004 hatte er, inspiriert durch den Kontakt zu Nelson Mandela, zusammen mit dem UN-Kinderhilfswerk Unicef die Initiative "Schulen für Afrika" gegründet, die bis heute mehr als 30 Millionen Kindern auf dem Kontinent den Schulbesuch ermöglicht hat. Unermüdlich und bis zum Schluss sammelte der Reeder Spenden für die Stiftung und schoss immer wieder Millionen aus seinem Privatvermögen zu. "Peter Krämer war ein Unternehmer, der den Traum hatte, die Welt zu einem besseren Ort für Kinder zu machen. Mit der ihm eigenen Leidenschaft und Energie hat er diesen Traum ein Stück Wirklichkeit werden lassen", sagte der Vorsitzende von Unicef Deutschland, Jürgen Heraeus.

Vergangene Woche ist Peter Krämer im Alter von 66 Jahren in seiner Wohnung gestorben.