Wenn Peter Messerli spricht, spricht er gerne mit den Händen. Egal, ob er wie jetzt in seinem kleinen Büro an der Uni Bern einen Journalisten empfängt, ob er am UN-Hauptsitz in New York vor Diplomaten spricht oder ob er in den monsunfeuchten Hügeln von Laos mit Bauern diskutiert – Messerli gestikuliert. In seinem Job reichen Worte nicht.

Der 50-Jährige ist Professor für Nachhaltige Entwicklung an der Uni Bern. Schon immer war er ein Weltenbummler, arbeitete in Asien, Europa, Afrika. Aber seit er Ende 2016 eine Mail des damaligen UN-Generalsekretärs Ban Ki Moon erhielt, lebt er oftmals wochenlang aus dem Koffer.

Mit Endah Murniningtyas, einer ehemaligen Entwicklungsministerin aus Indonesien, ist Messerli verantwortlich für den ersten, von unabhängigen Experten formulierten Nachhaltigkeitsbericht der UN. Zusammen mit 13 weiteren Forschern arbeiten die beiden an einer wissenschaftlichen Roadmap, also einem Plan, wie die Weltgemeinschaft die Ziele der sogenannten Agenda 2030 umsetzen soll. Sie listet 17 Ziele auf, an denen sich nachprüfen lässt, wie nachhaltig sich ein Land entwickelt.

Ihr zentraler Gedanke: Wirtschaftswachstum, selbst wenn es der Armutsreduktion dient, darf nicht zu viele Ressourcen verbrauchen. Ihr zentrales Problem: Niemand weiß, wie man das hinkriegt. Das in einem Bericht zu skizzieren ist nun die riesige Aufgabe, die Messerli und sein Team bis 2019 bewältigen müssen. Rechtlich bindend wird ihr Report nicht sein, aber er hat Gewicht, weil das Expertengremium vom UN-Generalsekretär persönlich eingesetzt wurde.

Wer bei Nachhaltiger Entwicklung an eine harmlose Hippie-Wissenschaft denkt, die auf der Suche nach der größtmöglichen Harmonie von Natur und Mensch ist, der liegt falsch. "Nachhaltigkeit bedeutet etwas anderes, nämlich: Dorthin schauen, wo es wehtut." Dorthin, wo es Gewinner und Verlierer gibt. Seit bald 30 Jahren treibt Messerli die Frage um, wie die Beziehungen zwischen den Ländern des Nordens und des Südens gerechter werden könnten. Oder wie die wachsende Weltbevölkerung ernährt werden kann.

Im Prinzip, sagt Messerli, wisse man heute ziemlich viel darüber, wie man die Welt verbessern könne. Wie man Armut reduziert, den Menschen zu einer besseren Bildung verhilft oder mehr Nahrungsmittel produziert. "Aber eine effizientere Landwirtschaft, die weder die Artenvielfalt verschlechtert noch mehr Treibhausgase ausstößt und gleichzeitig den Kleinbauern die Landrechte sichert? Da sind noch sehr viele Fragen offen."

Das sind bad news für einen, der die Welt zu einem besseren Ort machen will. Für Messerli sind es good news, weil sie zeigen: Ohne sein Fach, ohne die Nachhaltigkeitsforschung geht heute nichts mehr. Sie sei, sagt Messerli, kein abgegriffenes Gutmenschenwort mehr, sondern eine Schlüsselkompetenz, mit der man Fortschritte erzielen könne.

So groß die Fragen, so klein, ja unspektakulär seien häufig die Antworten, sagt Messerli. Er nennt das Beispiel der äthiopischen Bauern, die sich dank ihren Handys plötzlich in Echtzeit über die Getreide-Preise informieren können und so ihre Verhandlungsposition gegenüber den Zwischenhändlern verbessert haben. Er erzählt von kambodschanischen Kleinbauern, die sich mit Nichtregierungsorganisationen verbinden und Geldgeber dazu bringen, aus der Bodenspekulation auszusteigen, weil sie damit Menschenrechtsverletzungen in Kauf nehmen.