Wochenlang geht es mir jetzt schon miserabel. Es geht um einen Bereich meines Körpers, über den ich selbst mit meiner Frau nicht reden mag. Ich muss nämlich neuerdings nachts auf Toilette, manchmal sogar zweimal. Will ich mich erleichtern, brauche ich Zeit dafür: Minutenlang tröpfelt der Urin, und am Ende habe ich trotzdem das Gefühl, nicht alles losgeworden zu sein. Doch am beunruhigendsten ist, dass ich aus einer bisher gefühllosen Körperregion auf einmal Signale erhalte: Tief im Bauchraum, in der Nähe des Afters, gibt es etwas zwischen Druck und Schmerz. Ich recherchiere im Internet. Und stoße auf ein mir bis dahin fast unbekanntes Organ namens Prostata. Alle Anzeichen sprechen nämlich für eine übergroß gewachsene Prostata, welche die Harnröhre einklemmt.

Eine wachsende Prostata – habe ich Krebs? So groß sind meine Sorgen, dass ich schließlich zum ersten Mal im Leben einen Urologen aufsuche. Die Untersuchung, obwohl sie ein manuelles Abtasten der Prostata durch das Rektum umfasst und mir sehr peinlich ist, bringt immerhin Entwarnung: Krebs ist es nicht! Stattdessen diagnostiziert der Arzt ein gutartiges Prostatawachstum, das sogenannte benigne Prostatasyndrom (BPS). "Bei einem 63-Jährigen gar nicht ungewöhnlich", sagt der Arzt. Ich erfahre, dass laut Statistik in Deutschland fast die Hälfte der Männer jenseits der 50 über Beschwerden beim Wasserlassen klagen. Gut ein Viertel der älteren Männer hat eine vergrößerte Prostata. Jenseits der 80 sind sogar neun von zehn Männern betroffen. Ein Trost ist das für mich nicht.

In früheren Jahrhunderten war die "wachsende Prostata" gefürchtet: Ein Komplettverschluss der Harnröhre drohte, zur Abhilfe wurden – äußerst schmerzhaft – Metallstifte, Röhren oder Katheter durch den Penis Richtung Harnblase geschoben. Man versuchte sogar, mittels ätzender Chemikalien einen Durchgang zu schaffen. Heute verfügt die Medizin über verschiedene operative Möglichkeiten, Prostatagewebe auszuschaben oder die Prostata ganz zu entfernen. Doch zuerst wird versucht, die Symptome mit Medikamenten zu bekämpfen. Ich verlasse die Praxis einigermaßen erleichtert mit einem Rezept in der Hand.

Wachsendes Hindernis

Die Prostata liegt unterhalb der Blase und umschließt die Harnröhre.

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BPS – auch BPH (benigne Prostatahyperplasie) genannt, sofern eine Gewebeuntersuchung die gutartige Vermehrung von Prostatazellen nachgewiesen hat – ist von den Fallzahlen her eine Volkskrankheit. Trotzdem spricht niemand gern darüber, schon gar nicht offen. Nicht mehr "anständig", also mit kräftigem Strahl pinkeln zu können, ständig unter dem Druck einer "Sextanerblase" zu stehen und am Ende gar ein Fall von Inkontinenz zu sein – Probleme mit dem Männerorgan führen zu einem beunruhigenden Knick im männlichen Selbstbewusstsein. Stimmt mit meiner Sexualität etwas nicht?

Diese Frage stellt sich mir im Verlauf der medikamentösen Therapie auf verschärfte Weise. Das Mittel, das der Arzt verschrieben hat, Tamsulosin, verzeichnet auf dem Waschzettel unter der Überschrift "Häufige Nebenwirkungen (bei weniger als 1 von 10, aber mehr als 1 von 100 Behandelten)" ausgerechnet Ejakulationsstörungen oder gleich komplettes Ausbleiben der Ejakulation.

Und tatsächlich – während die BPS-Symptome schon nach wenigen Tagen nachlassen und ich mich wieder über ungestörte Nächte freuen darf, stelle ich an mir Veränderungen fest, die allesamt ebenfalls auf dem Waschzettel zu finden sind. So weckt mich nächtens zwar nicht mehr der Blasendruck. Stattdessen werde ich wegen einer noch nicht erlebten, scheußlichen Mundtrockenheit wach. Ab sofort muss abends neben dem Wecker eine Flasche Mineralwasser stehen. Dazu kommt tagsüber eine mir völlig unbekannte, allumfassende Müdigkeit. Ich kann praktisch in jeder Position und Lage einschlafen. Am schwerwiegendsten aber ist, dass mir neuerdings jeglicher Spaß am Sex fehlt. Ich (oder "Er"?) bringe einfach keine rechte Erektion mehr zustande. Und wenn es doch mal klappt, reicht es nicht bis zum Orgasmus. Alle Jubeljahre gelingt auch dieser; doch dann bleibt er "trocken", ohne Ejakulat.

Das erste Medikament zeigt gravierende Nebenwirkungen: Erektionsstörungen

Unversehens bin ich in eine doppelte Männlichkeitskrise geraten: Zum Leiden an einer wuchernden Prostata ist die Angst hinzugekommen, dass es von nun an vorbei sein könnte mit Lust, Libido und Leidenschaft im Bett. Ein großartiger Einstieg ins baldige Rentenalter!

Über nächtlichen Harndrang und Probleme beim Wasserlassen zu reden fällt den meisten Männern schon schwer genug – Sexprobleme dagegen kann ich gar nicht besprechen. Nicht mit meiner Frau, mit der ich soeben noch regelmäßig sexuelle Leidenschaft erlebt habe. Nicht mit Freunden und schon gar nicht mit einem Arzt. Doch mein Leidensdruck als plötzlich impotenter Mann nimmt zu. Als ich nach einigen Monaten ein Folgerezept abholen möchte, überwinde ich meine Scheu und frage den Urologen nach dem Verbleib meines Spermas. Warum ejakuliere ich nicht mehr? Und was hat das mit meinen Erektionsschwierigkeiten zu tun?

Der Arzt holt etwas aus. Die Prostata, auf Deutsch Vorsteherdrüse, produziert ein Sekret der Spermaflüssigkeit. Sie umschließt die Harnröhre, durch die Urin aus der Blase entleert wird. Ist die Prostata vergrößert, drückt sie auf die Harnröhre und führt zu einer Verengung, sodass das Wasserlassen erschwert ist. Das Arzneimittel Tamsulosin nun enthält Tamsulosinhydrochlorid, einen sogenannten Alpha-1-Blocker. Der Wirkstoff entspannt dankenswerterweise die glatte Muskulatur innerhalb der Prostata, macht diese also nachgiebiger, was auch die Harnröhre wieder erweitert und das Pinkeln erleichtert. Leider entspannt Tamsulosin gleichzeitig den Schließmuskel der Blase. Und nun kann geschehen, was ich als "trockenen Orgasmus" erlebe: Das Ejakulat wird rückwärts, in die Harnblase, ausgestoßen.

Der Fachmann spricht von retrograder Ejakulation. Ich aber werde trübsinnig. Zumal in den einschlägigen Internetforen auch mein zweites Problem, die Erektionsstörungen, auf die Medikamente zurückgeführt wird. Doch das sei schwer auseinanderzuhalten, sagt der Arzt: Die "erektile Dysfunktion" oder ED könne, müsse aber nicht von den Tabletten herrühren. Da Erektionen sehr viel mit Kopf und Seele zu tun haben, können sie auch von den Ängsten und trüben Gedanken sabotiert werden, die das Chaos im Urogenitalsystem auslöst.