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Die deutsche Regierung bereitet sich darauf vor, am 7. und 8. Juli in Hamburg die G20-Staatschefs zu empfangen. Der schwierigste Gast wird, wie stets, Erdoğan sein. Die Scherereien begannen bereits im Voraus. Das erste Problem war die Sicherheit. Erdoğans Bodyguards hatten im Mai beim Besuch des türkischen Staatspräsidenten in Washington Protestierende attackiert, es gab Verletzte. Die Attacke, die Erdoğan aus seinem Wagen heraus beobachtete, löste Empörung in Amerika aus. Der Außenausschuss im US-Kongress verurteilte den Tumult einstimmig, gegen die zwölf beteiligten Personenschützer wurde Haftbefehl erlassen. Ein beteiligter Türke wurde verhaftet, für ihn werden 19 Jahre Haft gefordert.

Erdoğan wehrte sich: "Was für eine Justiz ist das denn? Soll ich mich etwa von Amerikas Hans und Franz schützen lassen?" Die deutsche Regierung weiß, dass Erdoğan in Hamburg ähnliche Proteste erwarten, und möchte den Skandal nicht wiederholt sehen. Ihre Botschaft an Erdoğan: "Lass dich von Hans und Franz schützen!"

Damit ist die Sache aber nicht erledigt. Erdoğan will, "wo er doch schon mal da ist", wieder vor Türken in Deutschland reden. Vor dem Referendum im April war dieser Wunsch wenig glaubwürdig mit der Begründung abgelehnt worden, es gebe keinen passenden Saal. Das neuerliche Begehren fällt in den Wahlkampf in Deutschland. Da scheint es unmöglich, Erdoğan in einem Land, dem er "Nazismus" vorwarf, Gelegenheit zur Propaganda zu geben. Die türkische Regierung übermittelte den Auftrittswunsch nicht offiziell, sondern über inoffizielle Kanäle. Die Zuständigen im Auswärtigen Amt, mit denen ich sprach, scheinen dieses Mal fest entschlossen, es heißt: "Eine solche Erlaubnis kann unmöglich erteilt werden, schon gar nicht vor den Wahlen."

Das derzeitige Klima in Berlin schließt eine Aussöhnung mit Erdoğan nahezu aus. Schon die Bemühungen von Außenminister Gabriel bei seinem letzten Türkeibesuch waren ins Leere gelaufen und endeten mit dem Abzug der deutschen Soldaten von Incirlik. Das war ein Zeichen für den Abbruch der Beziehungen. Unzählige Deutsche haben ihre Pläne für einen Türkeiurlaub gestrichen, was darauf hindeutet, dass der Abbruch nicht auf die politische und militärische Ebene beschränkt bleibt.

Die Begeisterung, mit der die Delegierten auf dem SPD-Parteitag am letzten Wochenende auf Schulz’ Erdoğan-Kritik und seinen Gruß an die demokratischen Kräfte in der Türkei reagierten, zeigt, wie stark die Anti-Erdoğan-Stimmung in Deutschland mittlerweile ist. Dazu kommt noch, dass Ankara acht Bürgermeistern, die zum Kongress anreisen wollten, die Ausreisegenehmigung verweigert.

In der AKP-nahen Presse hieß es letzte Woche in einem Kommentar: "Eine andere Regierung in Deutschland stellt womöglich ein noch größeres Problem dar. Lasst uns in der Vorwahlzeit Schritte unternehmen, die es Merkel leichter machen." Somit ist absehbar, dass Erdoğan auf einem Auftritt in Deutschland nicht unbedingt beharren und die Nazi-Anschuldigungen eine Weile aussetzen wird. Bis September, so sieht es aus, werden die Probleme wohl auf Eis liegen, und Deniz Yücel wird weiter im Knast sitzen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe