Der Rechtsanwalt ist ein unabhängiges Organ der Rechtspflege. Dieser salbungsvolle Satz soll verdeutlichen, dass ein Anwalt kein schnöder juristischer Handwerker ist, sondern einem höheren Gut dient. Die "anwaltliche Tätigkeit dient in besonderem Maße dem Gemeinwohl", weiß die Standesvereinigung.

Immer mal wieder lassen Berichte allerdings daran zweifeln, dass Teile der Anwaltschaft mit den ethischen Regeln ihres Berufs noch vollumfänglich vertraut sind. Erst vor zwei Wochen standen Ermittler in den Büroräumen einer Kanzlei in Jena. Der Name der Kanzlei ist öffentlich nicht bekannt, aber die Mitteilung des Landeskriminalamts Thüringen liest sich, als hätten die Beamten eine bundesweit operierende Mafiabande hops genommen. Gleich gegen mehrere Rechtsanwälte werde "wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Betruges" ermittelt. 15 Objekte in fünf Bundesländern wurden in diesem Zusammenhang durchsucht.

Die Anwälte aus Jena sollen nach Angaben der Fahnder "mehrere tausend Kapitalanleger" abgezockt haben, deren Investments in Schieflage geraten waren. Mithilfe von angeblich unabhängigen Verbraucherschutzvereinen seien die Anleger an die Anwälte durchgereicht und zur Erteilung von Mandaten überredet worden, obwohl die Forderungen "keine bis verschwindend geringe Erfolgsaussichten" gehabt hätten oder wirtschaftlich unsinnig gewesen wären. Offenbar ging es vor allem darum, ihnen dann hohe Gebühren in Rechnung stellen zu können.

Neu wäre das Muster nicht. Schon nach dem Platzen der Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende haben manche Juristen mit marktschreierischen Methoden versucht, die Wut der Geschädigten im großen Stil zu ihren Gunsten zu kapitalisieren. Laien haben jedoch kaum eine Chance, rechtzeitig seriöse von unseriösen Rechtsanwälten zu unterscheiden. Sie vertrauen einem Anwalt so wie einem Arzt, von dem sie auch nicht erwarten, dass er ihnen eine unwirksame Therapie aufschwatzt.

Ökonomisch scheinen einige Anwälte mehr draufzuhaben als juristisch. Das würde erklären, warum sie sich statt am Gemeinwohl am Skaleneffekt orientieren: Viele gleich gelagerte Fälle bedeutet viele Gebühren bei minimalem Aufwand pro Fall, gerade die Probleme von Kleinanlegern eignen sich dafür. Dazu braucht es oft nur einen Kopierer, mit dem die Anwälte die (oft schlechten) Schriftsätze vervielfältigen und an Gerichte oder Gegner versenden. Man kennt dieses Vorgehen von Abmahnanwälten wie jenem, der vor einigen Jahren Tausende Internetnutzer wegen Porno-Streamings anging – was viele als Nötigung verstanden.

In den Händen mancher Anwälte werden Kopiergeräte zu Vermögensvernichtungswaffen. Das ist auch deshalb so verführerisch, weil es hierzulande noch immer keine praktikable Methode zur Bewältigung von Massenprozessen gibt. Das Konzept einer Sammelklage steckt in einer politischen Zwischenwelt fest. Ein aktueller Entwurf des Justizministeriums lässt sich wegen des Widerstands der Union bislang nicht durchsetzen.

Also verlieren alle: die Gerichte, weil sie selbst die sinnlosesten Eingaben mit dem nötigen Ernst bearbeiten müssen. Der Rechtsstaat, dessen Ruf durch einige juristische Trolle beschädigt wird. Und die geschädigten Anleger, die in der Hoffnung auf Wiedergutmachung nun noch mehr Geld zu verlieren drohen. Um das zu verhindern, werden sie sich wohl neue und gute Anwälte suchen müssen. Von denen gibt es zum Glück eine ganze Menge. Nur sind das nicht die, die am lautesten schreien.