Es war, noch bevor sich Emmanuel Macron die absolute Mehrheit im französischen Parlament sichern konnte. Es war der Tag, an dem er zum Präsidenten gewählt wurde. Ich hatte am Vormittag meine Lieblingsbuchhandlung besucht, die Librairie Tschann, und ein soeben im Verlag Gallimard erschienenes Buch von Régis Debray gekauft. Es war das vorletzte Exemplar, schon ein bisschen angestoßen an einer Ecke. Anschließend setzte ich mich in die Rotonde, eine Brasserie am Boulevard Montparnasse, um in dem Werk zu blättern. Da nahm ein Herr gleichen Alters neben mir Platz, auch er hatte eine grüne Plastiktüte der Librairie Tschann dabei, auch er packte Civilisation von Régis Debray aus, das letzte Exemplar. Ich sprach ihn an, er lachte und wies darauf hin, dass sein Exemplar an einer Ecke ein wenig angestoßen sei. Wie meines. Wir beglückwünschten einander zu dem Kauf.

Zu Recht. Wie wir Amerikaner wurden lautet der Untertitel des Buches, und Debray ist für seinen Antiamerikanismus bekannt, aber auch dafür, dass er gut beobachtet und dass seine Pointen sitzen. Das beste Alter hieß ein vor vier Jahren erschienenes Bändchen, in dem der Hochbetagte über den Jugendwahn herzog, vorhersehbar, angreifbar, aber eben lesenswert. Debray ist eine Institution geworden, er, der sich erst als Mitkämpfer Che Guevaras einen Namen gemacht hatte und dessen Buch Revolution in der Revolution? vor 50 Jahren die Neue Linke auch in Deutschland stark beeinflusst hatte. Der politische Schriftsteller Debray beriet später Salvador Allende, noch später François Mitterrand – und schließlich Jacques Chirac. Was für ein Lebenslauf!

Politisch ist er geblieben. Zwar nennt Debray keine Namen, aber sein jüngstes Buch ist ein Kommentar zu Emmanuel Macron, der übrigens ebenfalls gern die Rotonde aufsucht. An einer Stelle im Buch erwähnt der Autor, dass mittlerweile gewisse Politiker auf amerikanische Art die Hand aufs Herz legen, wenn sie die Marseillaise singen – und siehe da, so endete dieser Tag denn auch.

Civilisation ist randvoll mit Beispielen dafür, wie amerikanisch die französische Kultur innerhalb eines Jahrhunderts geworden ist. Wie im Vorbeigehen behauptet Debray, noch mehr habe sich die deutsche Gesellschaft amerikanisiert, Europa wiederum weise nichts vor, was die Herzen vibrieren lassen könne. Dem muss man nicht zustimmen, aber die Diagnosen der Zeitverdichtung, Verrohung und Verblödung, die Debray seinem Land und uns Europäern ausstellt, sind leider zutreffend – auch wenn nicht immer schlüssig dargelegt wird, warum daran vorrangig die Amerikanisierung schuld sein soll.

Ein sehr französisches Buch ist das, geschrieben in einem immer noch sehr katholischen Land, in dem das Geldverdienen grundsätzlich unter Verdacht steht. Wenn Debray eine Bank namentlich attackiert, dann ist es die mit dem Namen Rothschild, was an Marine Le Pen erinnert, die nicht müde wurde, Emmanuel Macron fortwährend als Rothschild-Bankier zu bezeichnen. Das dominierende Menschenbild der amerikanischen Zivilisation und ihrer kulturellen Kolonien in Europa sei der Homo oeconomicus, glaubt Debray, und wenn er erst einmal in Fahrt kommt, dann schreibt er rasant gegen das Profitprinzip und die wirtschaftliche Berechnung der Welt an, auch wenn er in seinem Furor ziemlich viel durcheinanderbringt und so manches vergisst. Der Kapitalismus zum Beispiel ist mitnichten eine amerikanische Erfindung, sondern eine europäische, so wie die Zahlengläubigkeit und die Sozialstatistik eine französische sind. Und Pink Floyd – dies nebenbei – sind auch keine amerikanische Band, wie Debray offenbar glaubt, sondern eine britische.

Beeindruckend ist die Fülle des Materials, das der Autor ausbreitet. Amerikanismen in den Sitten und in der Sprache, in der Kunst und in der politischen Symbolik und darüber hinaus – das Buch entfaltet eine suggestive Kraft, und es ist mit viel schwarzem Humor geschrieben. Ein Genuss, gerade da, wo es übertreibt. Denn es ist natürlich Quatsch, die amerikanische Kultur als eine des Bildes gegen die europäische als diejenige des Wortes zu stellen oder zu behaupten, nur die Europäer setzten sich kritisch mit ihrer eigenen Geschichte auseinander.

Régis Debrays eigentliches Verdienst aber besteht darin, zur Sprache zu bringen, wie ein großer Teil der Franzosen heute denkt. Das sind Leute, die Emmanuel Macron nicht mögen. Sie möchten sich seinen ungebrochenen Optimismus nicht aufdrängen lassen und halten seine "Bewegung" namens En Marche für einen Import des amerikanischen Go-West-Prinzips. Sie empfanden schon die Popshows des Macronschen Wahlkampfes als quälend, dessen Gute-Laune-Ästhetik sie an ihre jüngsten sogenannten Einkaufserlebnisse im Supermarkt erinnerte. Diese Franzosen sind nicht unbedingt Pessimisten, wohl aber Melancholiker, und ganz grundsätzlich fühlen sie sich durch die Globalisierung kulturell enteignet, sie sind gewissermaßen die Abgehängten des gesellschaftlichen Überbaus.

Kurz: Sie sitzen in der Rotonde und lesen Debray. Auch das ist Frankreich. Nicht dasjenige Macrons und erst recht nicht dasjenige Marine Le Pens, sondern eines, das zurzeit keinen politischen Ausdruck findet.

Mit dem Herrn am Nachbartisch habe ich über all das kein Wort gewechselt. Wir wollten das beide nicht, und wir mussten es auch nicht. Er strich aber viele Sätze mit einem roten Stift an – genau wie ich.