Diese Koalition hätte sich ein besseres Ende verdient. Immerhin hat die Regierungsallianz aus Sozialdemokratie und Volkspartei zunächst 21 Jahre, dann wiederum 14 Jahre und schließlich noch einmal elf Jahre das Land regiert. Sie hat die Zweite Republik entscheidend gestaltet, und ihr verdankt eine Gesellschaft, die nicht an Demokratie gewöhnt war, ein insgesamt stabiles demokratisches Regierungssystem. Dieser Pakt der beiden größten politische Blöcke ermöglichte es auch, dass sich ein tendenziell verschließendes, in Ansätzen narzisstisches Land der großen Herausforderung der Europäischen Union stellte. Die Zweite Republik als ein – relatives – Erfolgsprodukt war und ist das Produkt dieser Koalition. Und jetzt geht alles sang- und klanglos unter.

Es ist kein Schrecken ohne Ende, und die Koalition nimmt auch kein schreckliches Ende. Am besten charakterisiert das Endstadium der Koalition der Begriff Banalität. Es darf auch beim Finale dieser Regierung nicht überraschen, dass sich das rot-schwarze Bündnis heillos in Kleinkram verheddert. Irgendwie wäre dennoch zu erwarten gewesen, dass diese Regierung zur Selbstreflexion fähig ist. Am Ende einer prägenden politischen Kulturform sollten nicht nur der übliche Kleinkram, die üblichen Schuldzuweisungen stehen. Diese Koalition war doch bei anderen Gelegenheiten sehr wohl in der Lage, Stil zu zeigen – bei der Sitzung des ersten wieder frei gewählten Nationalrates 1945, bei Staatsvertrag und Neutralitätserklärung 1955, beim EU-Beitritt 1994.

Es kann doch nicht nur am Generationswechsel liegen, dass weder Christian Kern noch Sebastian Kurz zu jener Sprache finden, der sich Karl Renner und Leopold Figl, Franz Vranitzky und Alois Mock in entscheidenden Momenten zu bedienen verstanden. Es liegt wohl primär daran, dass diese Koalition ausgeleiert, dass sie nun wirklich an ihrem Ende angelangt ist – aus Gründen, die nichts mit Migration und Globalisierung, aber alles mit inhaltlichem Kleinmut und strategielosem Taktieren zu tun haben.

Rot und Schwarz denken primär daran, wie sie sich schon jetzt für die Zeit nach der Oktober-Wahl positionieren sollen, wie sie nach dem Zusammenbruch ihres alten Regierungsmodells weiterhin auch ohne den gewohnten Partner Posten am Kabinettstisch besetzen können. Da die bevorzugte Bündnisvariante der SPÖ (und wohl auch einiger in der ÖVP), nämlich eine Koalition mit den Grünen und den Neos, mit großer Wahrscheinlichkeit über keine Mehrheit verfügen wird, kreist das Denken in beiden Regierungsparteien um die FPÖ.

Alles dreht sich um die Freiheitlichen, und diese drehen sich um sich selbst. Wie anders wäre der Vorstoß von Generalsekretär Herbert Kickl zu verstehen, es genüge nicht, dass die SPÖ implizit aufgegeben hat, was Vranitzky-Doktrin genannt wird; sie müsse dies vielmehr auch explizit, und zwar in Form eines Parteitagsbeschlusses tun? Da ist jemand im Rausch des vermeintlichen Triumphes bereit, einen strategischen Vorteil, den er gerade erst gewonnen hat, wieder zu verspielen. Offensichtlich kann es die FPÖ kaum erwarten, dass die Sozialdemokraten einen Schritt setzen, der unvermeidlich zum Ausbruch parteiinterner Konflikte führen muss. Und wenn sich die Genossen verweigern, ist die FPÖ dann wirklich entschlossen, nun ihrerseits eine Art umgedrehte Vranitzky-Doktrin zu praktizieren? Das würde sie dann vollständig der Volkspartei des Sebastian Kurz ausliefern.

Die Art und Weise, mit der sich die Sozialdemokraten die Möglichkeit zu einer Allianz mit ihrer blauen Nemesis eröffnen wollten, verdient wohl das Prädikat "gut gemeint" – immer mit dem Zusatz, dies sei nur allzu oft das Gegenteil des Guten. Der rote Kriterienkatalog, der den Weg zu einer rot-blauen Partnerschaft ebnen soll, ist eine eigenartige Mischung aus Selbstverständlichkeiten – Hürden, die auch die Freiheitlichen unter ihrem Parteichef Heinz Christian Strache locker überwinden können – und inhaltlichen Vorstellungen, die erst bei etwaigen Koalitionsgesprächen auf dem Verhandlungstisch landen. Die SPÖ hat offenbar gemeint, die Tür zur FPÖ öffnen zu können, ohne dass der scharfe Geruch aus dem Nebenraum den Genossen in die Nase steigt. An diesem Katalog interessiert einzig, dass nun auch die Freiheitlichen auf dem roten Koalitionkarussell Platz finden. Alles andere ist Verpackung.

Dennoch wird die SPÖ Schwierigkeiten haben, sich an dem Koalitionspoker, der noch am Wahlabend beginnt, zu beteiligen. Denn wenn sie – etwa gestützt auf eine relative Mehrheit – den Kanzleranspruch stellt, droht eine Neuauflage jenes Spieles, das Wolfgang Schüssel und Jörg Haider seinerzeit so erfolgreich hinter den Kulissen durchgezogen haben. Der Zweite mit dem Dritten gegen den Ersten. Das liegt durchaus in der Logik eines parlamentarischen Systems. Und wenn die SPÖ nicht ihre relative Mehrheit verteidigen kann, dann kann sie vermutlich einen Kanzler Kurz akzeptieren. Aber einen Kanzler Strache?