Es ist sitzungsfreier Tag im Al-Jamama-Palast in Riad, der riesige Saal mit dem blau-goldenen Kuppeldach ist leer. Und wenn Hanan al-Ahmadi jetzt nicht zum Interview verabredet wäre, könnte sie beim Fitnesstraining mitmachen. "Fragen Sie mich bitte nicht nach dem Fahrverbot für Frauen", sprudelt die rundliche Mittfünfzigerin leicht genervt los, während ihre Mitarbeiterinnen draußen in Turnschuhen mit strammem Tempo durch die Gänge marschieren. "Sieben Runden um die Schura sind ein Kilometer", steht auf einem Schild in der Büroetage der Frauen. Die Schura ist die beratende Versammlung des saudischen Königreiches. Wie überall im Land herrscht auch hier strikte Geschlechtertrennung. Männer haben in der Frauenabteilung keinen Zutritt, also hängen die obligatorischen Ausgeh-Uniformen der Frauen – schwarze Abajas und Hidschabs – wie erschlaffte Gespenster am Kleiderhaken. Frau trägt hier T-Shirt, Leggings oder Hosenanzug.

Eine Urkunde der Zeitschrift Forbes auf Al-Ahmadis Tisch weist sie als eine der 200 einflussreichsten arabischen Frauen des Jahres 2014 aus. Da hatte die promovierte Expertin für Public Health gerade ihren Sitz in der Madschlis asch-Schura eingenommen. 150 Mitglieder, vom Monarchen ernannt, sollen hier in Einklang mit dem Koran "Wissen und Erfahrung" bereithalten und Gesetze vorschlagen. Zu entscheiden haben sie nichts. Trotzdem verursachte das Königshaus ein Erdbeben mittlerer Stärke, als es 2013 ein Fünftel der Ratssitze Frauen zusprach, wenn auch unter der Bedingung, dass diese im Plenum einen "angemessenen Hidschab" tragen und den Schura-Saal ausschließlich durch eigene Türen verlassen.

Al-Ahmadi hat in den USA studiert, war Gast im amerikanischen Kongress, in dem Senatorinnen herumlaufen, wo und wie es ihnen passt. Dennoch hadert sie mit den "Obsessionen" westlicher Medien, wenn es um ihr Land geht. Vor allem um Frauenrechte. "Im Westen wird völlig ausgeblendet, was wir in den letzten Jahrzehnten erreicht haben. In der Jugend meiner Mutter gab es für Mädchen keine öffentlichen Schulen. Heute haben wir in unseren Masterstudiengängen mehr Frauen als Männer."

Schule, Auslandsstudium, Promotion – das ist längst kein ungewöhnlicher Lebenslauf mehr für saudische Frauen aus der oberen Mittelschicht, allesamt Teilhaberinnen einer stillen Revolution, die in den sechziger Jahren begann, als das Königshaus die Schulen für Mädchen öffnete – gegen den teilweise bewaffneten Widerstand religiöser Fundamentalisten und konservativer Scheichs. Wobei "Revolution" das falsche Wort ist. Umbrüche werden in Saudi-Arabien nicht von unten erkämpft. Sie werden von ganz oben verordnet. Wie die Öffnung der Schura für Frauen. Oder jetzt deren forcierte Integration in die Berufswelt. Von 22 auf 30 Prozent soll der Anteil der Frauen auf dem Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren wachsen. So sieht es der große Reformplan "Saudi Vision 2030" vor, den Mohammed bin Salman vorgelegt hat, der 31 Jahre alte Sohn des saudischen Königs Salman. Soeben wurde die Thronfolge zu seinen Gunsten verändert. Seine Inthronisierung ist in Anbetracht der schlechten Gesundheit des 81-jährigen Vaters nur eine Frage der Zeit.

MBS, wie er im Volksmund genannt wird, ist die Zukunft des Landes, faktisch regiert er bereits jetzt und hat auch schon gewaltige Schockwellen verursacht. Außenpolitisch verlangt er die bedingungslose Unterwerfung aller Nachbarn unter den saudischen Führungsanspruch im Nahen Osten, hat deswegen einen verheerenden Luftkrieg im Jemen begonnen und den eigenwilligen Nachbarn Katar isoliert. Innenpolitisch will er laut Programm nicht weniger als den totalen Umbau von Land und Gesellschaft. "Saudi Vision 2030" sieht den Ausstieg aus der Öl-Ökonomie vor, die radikale Schrumpfung des aufgeblähten Staatsapparates, die Förderung der Frauen und, mehr oder weniger deutlich, die Beschneidung der Macht des Klerus.

Kann es funktionieren, die absolutistische Monarchie der Sauds bei laufendem Betrieb zu reformieren? Wie passen dabei außenpolitische Aggression und innenpolitische Öffnung zusammen?

Acht Tage im Frühsommer in Saudi-Arabien lassen ahnen, wie schwer es werden dürfte, im Rahmen des bestehenden saudischen Systems den islamistischen Extremismus in den Griff zu bekommen, die Unruhe in der Jugend zu beschwichtigen und der Ungeduld der Frauen entgegenzukommen.

Es ist eine überlebensnotwendige Kunst in Saudi-Arabien, Kritik an den Verhältnissen in loyaler Form zu äußern. Hanan al-Ahmadi beherrscht sie perfekt. Ihr Unmut über die Wahrnehmung ihres Landes im Westen geht nahtlos über in eine Aufzählung der heimischen Missstände, die man selbstverständlich im Blick habe und mit dem angemessenen Tempo abstellen werde. Mit Maßnahmen gegen Korruption, gegen die hohen Raten von Diabetes und anderen Folgen einer westlichen Konsumweise, gegen die Abhängigkeit vom Öl und für mehr Meinungsfreiheit.

Frage: Auch für einen Dissidenten wie den Blogger Raif Badawi, der wegen Kritik am Königshaus und am Wahhabitentum zu zehn Jahren Gefängnis und 1000 Stockhieben verurteilt worden ist? Eine kurze Pause entsteht. "Es gibt nun mal eine rote Linie in diesem Land", sagt Al-Ahmadi schließlich. "Den Islam, unsere Religion. Diese Linie muss jeder respektieren." Badawi hat sie demnach überschritten. Hanan al-Ahmadi, die unermüdlich Initiativen gegen häusliche Gewalt vorangetrieben hat und die saudische Justiz von der Vormacht alter Männer befreien will, hütet sich, dieser Linie auch nur nahe zu kommen. Der saudische Staats-Islam als Extremismus? "Das ist eine westliche Sichtweise", meint sie. "Wir haben ein paar radikale Prediger und Scheichs, auf die wir aufpassen müssen." Aber kein grundsätzliches Problem.